Rätsel Kassabon

Poller-Kolumnist Markus Dütschler macht sich Sorgen über den Verbleib des guten alten Einkaufszettels.

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Markus Dütschler

Es scheint harmlos zu sein. Aber ist es das? Vordergründig geht es nur um ein «Zetteli», den Kassabon. Doch mit dem Stück Papier scheint es eine spezielle Bewandtnis zu haben. Zuerst habe ich es kaum zur Kenntnis genommen. Erst mit der Zeit fiel es mir auf. Sie händigen einem den Kassabon oft gar nicht aus. Sie, das sind die Verkäuferinnen und seltener die Verkäufer an den Registrierkassen der Berner Supermärkte.

Man sollte meinen, dass es eine Selbstverständlichkeit sei, eine Quittung für einen bezahlten Geldbetrag zu erhalten. Ganz falsch. Die kultivierte Form der Belegverweigerung heisst: «Weit Dir d Quittig?» oder: «Bruuchet Dir dr Kassabon?» Der Kunde wird so in die Rolle des Bittstellers gedrängt, der so unverschämt ist, nach dem Abdrücken eines Geldbetrags auf administrativen Formalitäten zu beharren. 

Meist ist die Standardfrage kein ganzer Satz im Sinne des seligen Deutschlehrers, sondern ein mutzes, fast schnippisches: «Kassabon?»

In Italien ists Sitte

Im Personalrestaurant oder in der Bäckerei muss man das Bedürfnis nach Besitz des Geheimpapiers schon vor dem Bezahlvorgang ausdrücklich und unmissverständlich anmelden. Sonst passiert es, dass die Brotverkäuferin schon den nächsten Einkauf eintippt und dann entsetzt ausruft, das sei jetzt so blöd, sie müsse alle Posten stornieren, die Software ab DOS 1.0 minutenlang hochfahren und den amtlich vereidigten Treuhänder einfliegen lassen, damit er die heikle Transaktion als rechtlich zulässig beglaubige. Ich sage es drum immer so früh, dass die Sache noch zu retten ist, kassiere aber oft einen Blick, der sagen soll: «Wozu braucht der denn diese Quittung über Fr. 2.35?»

Umgekehrt ist auch gefahren, gute Frau: Weshalb bekomme ich sie nicht einfach so? Ich habe mich bei Reisen nach Italien oft gewundert, dass man für jeden Ristretto im Wert von weniger als einem Franken unaufgefordert den Scontrino neben dem Tässchen vorfindet. Dann erfuhr ich von Italien-Kennern, dass Beizer dazu verpflichtet seien. Der Gast müsse das Zettelchen mit sich führen, bis er um die nächste Ecke gebogen sei. So stelle der italienische Staat sicher, dass die Einkünfte nicht in der Hosentasche des Wirts verschwinden, sondern in der Kasse, von wo die happige Mehrwertsteuer in den Staatssäckel fliesst.

Ich hörte von Italien-Reisenden, die vor einem Restaurant von Beamten aufgefordert wurden, die Quittungen vorzuweisen, was sie zum Glück konnten. Die schnittigen Alfa Romeo mit der Aufschrift Guardia di Finanza durchpflügen die Strassenschluchten des Bel Paese also nicht nur aus Freude am Fahren.

Zettelchen-Bonus

Wir schweifen ab. Was zum Kuckuck bringt unsere Kassiere dazu, so knickerig mit Kassabons umzugehen? Haben sie Angst, bei Dienstschluss zerknüllte Zettelchen aus der Einpackmulde oder den Wägelchen zusammenklauben zu müssen? Befürchten sie, dass auf der Papierrolle viel zu bald der rote Warnstreifen aufscheint, der einen Rollenwechsel erheischt? Das allein kann es nicht sein.

Bekommen sie vielleicht einen Bonus, wenn sie die Zettelchen gesammelt abliefern? Oder hängt es etwa mit der Beschichtung des Papiers mit Bisphenol A zusammen? Das Zeug soll nicht ungefährlich sein. Womöglich kratzen die Verkäufer die Schicht ab und veranstalten Bisphenol-Rauchpartys oder sniffen den Stoff. Man will es gar nicht so genau wissen. Doch wenn das zutrifft, ist es ein wirksamer Akt der Drogenprävention, wenn man als Kunde den Kassabon entgegennimmt, damit er nicht in falsche Hände gerät. Und das Schönste daran: Man tut es ganz eigenverantwortlich, ohne den Druck der Guardia di Finanza.

Markus Dütschler ist «Bund»-Lokalredaktor und privat ein akkurater Buchhalter. Das Vorenthalten von Kassabons erachtet er darum als böswillige Sabotage.

Der Bund

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