«Profis der Strasse»

Wo würden Sie in Bern draussen übernachten? Auf «Sozialen Stadtrundgängen» zeigen Menschen am Rande der Gesellschaft ein anderes Bern und erzählen dabei aus ihrem Leben.

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Während bei gängigen Stadtführungen Studenten oder Historikerinnen das interessierte Publikum zu Sehenswürdigkeiten führen und dabei Wissen vermitteln, tun dies bei den Sozialen Stadtrundgängen armutsbetroffene und obdachlose Menschen. Ziel dieser Führungen sei es, hinter die Fassade der heilen Welt zu blicken und weniger privilegierten Menschen eine Stimme zu verleihen, sagt Paola Gallo, Geschäftsführerin von Surprise, also demjenigen Verein, der die Sozialen Stadtrundgänge ins Leben gerufen hat. Ab sofort können in Bern verschiedene Touren gebucht werden (Text rechts), wobei nicht nur die aufgesuchten Örtlichkeiten, sondern auch die biografischen Erzählungen der Tourleiter eine zentrale Rolle spielen.

Zuständig für den Rundgang «Überleben auf der Strasse» ist Roger Meier, ein Experte auf seinem Gebiet, denn der 56-Jährige hat 36 Jahre seines Lebens auf der Strasse gelebt. Erst vor einigen Monaten hat er ein Zimmer im ehemaligen Zieglerspital bezogen. Anfänglich habe er sich nur bei offenem Fenster im Raum aufhalten können, zu beengend seien die vier Wände für ihn gewesen. Er will auf seiner Tour dem Publikum «seine Stadt» zeigen, so wie er sie kennt. Dazu gehören öffentliche Orte wie die Kleine Schanze, aber auch wichtige soziale Institutionen wie das offene Tageshaus La Prairie bei der Kirche Dreifaltigkeit, der Aufenthaltsraum in der Postgasse oder der Montagsladen von Emmaus.

Vom Bauern verprügelt

Unterwegs erzählt Stadtführer Meier freimütig aus seinem Leben. Das Gefühl der Heimatlosigkeit kenne er seit Geburt, er, das Frühchen, das von Mutter und Vater gar nicht erst abgeholt wurde auf der Säuglingsstation. Als Fünfjähriger sei er dann aus dem Heim ausgebüxt. Sechs Wochen habe er sich allein durchgeschlagen, bevor er zu Pflegeeltern auf einen Landwirtschaftsbetrieb verfrachtet worden sei. Dort sei er als billige Arbeitskraft missbraucht und vom Bauern oft verprügelt worden, erzählt Meier.

Mit 17 wollte es gar nicht mehr klappen mit der Pflegefamilie, deswegen sei er von zu Hause abgehauen. Die Müllerlehre habe er mit einer Note von 5,6 abgeschlossen, und das, obwohl er damals auf der Strasse gelebt habe, was aber keiner mitbekommen habe. In jugendlicher Dummheit habe er sich zu Diebstählen verleiten lassen, weshalb er seinen 20. Geburtstag im Knast habe verbringen müssen. Danach sei er der Liebe wegen nach Bern gezogen. «Die Liebe ist verflogen, Bern geblieben», sagt Meier und grinst durch eine breite Zahnlücke.

Offenherzige Rückschau

Meier berichtet offenherzig und selbstironisch über seine Vergangenheit. Von wilden, drogenberauschten Jahren ist die Rede, von harten Gelegenheitsjobs auf dem Bau, von gescheiterten Beziehungen, aus denen insgesamt vier Kinder hervorgingen. Nein, es koste ihn keine Überwindung, seine ganz persönliche Lebensgeschichte einem fremden Publikum zu schildern, sagt Meier: «Ich habe nichts zu verstecken.»

Meiers Haltung ist keine alltägliche, denn Armutsbetroffene oder Menschen, die in unserer Leistungsgesellschaft nicht mithalten können, ziehen sich oftmals aus Scham aus der Öffentlichkeit zurück. Offizielle Zahlen, wie viele Menschen in der Schweiz obdachlos sind, gibt es nicht. Meier schätzt, dass es in Bern etwa 20 bis 25 Menschen gebe, die ganz ohne Unterkunft auskommen müssten – und rund 200, die bei Kollegen, in Kellern oder Garagen Unterschlupf fänden.

«Ich möchte mit meiner Tour all diesen Menschen ein Gesicht geben», sagt er. «Obdachlose sind nicht einfach Penner, Alkoholiker oder Drogensüchtige. Auf Berns Strassen leben Anwälte, Hausfrauen, Bauarbeiter und Ökonomen. Manche dieser Leute sind besser ausgebildet als diejenigen, die hochnäsig an ihnen vorbeigehen. Keiner ist vor Schicksalsschlägen gefeit, es kann jeden treffen.»

Ein Dankeschön an die Helfer

Durch seinen Job als Stadtführer will Meier auch Hilfsangebote für Menschen in schwierigen Situationen sichtbar machen. «Mein Rundgang ist auch ein Dankeschön an die vielen freiwilligen Helfer und Helferinnen, die mich die letzten 36 Jahre unterstützt haben. Wahrscheinlich wissen die wenigsten, wie viel ehrenamtliches soziales Engagement tagtäglich geleistet wird.» So wird auf den verschiedenen Touren etwa beim Caritas-Markt, der Notschlafstelle oder der Gassenku?che haltgemacht.

Seit der Lancierung der sozialen Stadtrundgänge in Basel und Zürich hätten innerhalb von fünf Jahren rund 40'000 Personen an solchen Touren teilgenommen, sagt Surprise-Geschäftsführerin Paola Gallo. Oberstes Ziel der Rundgänge sei es, Verständnis zu wecken und die Solidarität zu stärken. Keinesfalls sollen Leute ausgestellt werden. Um die Menschen zu schützen, seien mit den Anlaufstellen klare Besuchszeiten festgelegt worden, und auch an öffentlichen Orten achte man auf ein sensibles Vorgehen. «Wir betreiben keinen Voyeurismus», betont Gallo.

Ausserdem würden die Stadtführer und -führerinnen entsprechend ausgebildet und legten auch die Themen selber fest. «Das sind Profis, Profis der Strasse», sagt Gallo. Roger Meier jedenfalls ist definitiv ein Profi. «Nein, jetzt nicht», sagt er zu einem Bekannten, der ihm während des Stadtrundgangs eine Zigarette anbietet: «Ich bin am Arbeiten.» (Der Bund)

Erstellt: 18.01.2018, 21:57 Uhr

Seit 20 Jahren

Surprise feiert dieses Jahr das 20-jährige Bestehen. Der Verein unterstützt benachteiligte, armutsbetroffene oder ausgegrenzte Menschen. Rund 400 Personen verkaufen täglich das Strassenmagazin «Surprise», eine Arbeit, die oftmals ein erster Schritt in Richtung (Wieder-)Integration ist.

Vor fünf Jahren lancierte Surprise die ersten Sozialen Stadtrundgänge in Basel, ein Jahr später folgte Zürich, ab 22. Januar können nun auch in Bern zwei thematisch unterschiedliche Touren gebucht werden. Die erste Tour fokussiert auf das Thema Obdachlosigkeit, während sich die zweite der Armutsfalle Arbeitslosigkeit annimmt. Ab Frühling 2018 soll noch eine dritte Tour hinzukommen, eine zum Thema Armut und Sucht. Die Touren werden montags, mittwochs, donnerstags und freitags durchgeführt und dauern rund zwei Stunden.

Weitere Informationen finden sich im Internet: https://surprise.ngo

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