Pollerer allein zu Haus

«Poller»-Kolumnist Peter Schibler geniesst das Singledasein an den Feiertagen ganz besonders.

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Wie übersteht der partnerlos lebende Mitmensch die kumulierte Stimmung der zurzeit laufenden Feiertage? Ist er am Ende gar froh, dass Weihnachten und Neujahr heuer auf Sonntage fallen, sodass ihm sein Elend dadurch verkürzt wird? Bindungsabhängige Geister pflegen oft die Vorstellung, Singles wie der für den heutigen «Poller» zuständige Pollerer würden an Heiligabend, Ostern und Pfingsten regelmässig von Trübsal heimgesucht, die sie nur in einer Zimmerecke weinend oder unter reichlicher Zufuhr alkoholhaltiger Flüssigkeit überstehen. Dieser Eindruck täuscht.

Den Heiligen Abend von letztem Samstag verbrachte der Pollerer zum Beispiel ungestört alleine, switchte zuerst zu einem selbst gemachten, äusserst fettarmen Wintersalat von «Kevin allein zu Haus» über «Sister Act» und «Drei Männer im Schnee» zu ebenso vielen «Haselnüssen für Aschenbrödel» und vom einen problemlos zum anderen und zurück, da ihm die Handlungen der erwähnten Darbietungen nach vielen Jahren geläufig sind. (Dasselbe gilt übrigens sinngemäss für «Nachts im Museum», «Dinner for One» sowie «Frühstück bei Tiffany» am kommenden Wochenende.)

Item, nach heiligabendlicher etwa Halbzeit entschied er, also der Pollerer, sich doch lieber fürs Lesen, und als er gegen halb elf Uhr müde genug war, konnte er, ohne jemandem Rechenschaft schuldig zu sein, zu Bett gehen und musste nicht noch einen Anruf von irgendwelchen Schwiegereltern aus Salzburg oder Köln abwarten, die um drei Uhr früh ihre Ankunft zu Hause bestätigen: «Es ist alles gut gegangen! Und nochmals vielen Dank für das schöne Fest und das üppige Essen! Vater ists schon ein bisschen weniger schlecht.»

Der Pollerer fand einen ruhigen und ungestörten Schlaf. Das Behagliche im Nachtleben eines Singles ist die Vorstellung, jederzeit völlig grundlos aufstehen zu können, ohne dass eine schlaftrunkene Stimme aus dem Doppelbett ruft: «WAS willst du? Wie? Was?!! Einfach so spazieren gehen? Spinnst du? Es ist halb vier!» Oder, noch schlimmer: «Warte, Liebling! Ich komme mit!»

Für den darauffolgenden Weihnachtstag hatte der Pollerer auch kein vorgefasstes Programm. Er schlief ein wenig aus, weil keine Kinder ihn um sechs Uhr weckten, um ihm vorzuführen, was sie mit dem neusten Computergame schon alles anstellen können. Der Pollerer musste deshalb am Nachmittag auch keine stundenlangen Wanderungen mit Nachwuchs unternehmen, damit selbiger wenigstens an diesem Abend zeitig Ruhe gibt.

Während euereins, liebe um den heutigen Pollerer besorgte Nicht-Singles, zwischen Kinderstunde und Sonntagsausflug gerne in aller Ruhe «nur einmal, ein einziges Mal!, nur kurze fünf Minuten lang!» ungestört die Zeitung lesen möchtet, ist euer Pollerer aber vielleicht auch schon frei und spontan unterwegs nach Paris oder London. (Oder Hawaii!)

Das Wahrscheinlichste, liebe Zweierkisteler, ist freilich, dass ihr dem Pollerer am kommenden Silvester oder Neujahr irgendwo dort unterwegs begegnet, wo alle anderen dannzumal ebenfalls unterwegs sind. Man wird sich am Aareufer oder beim Gurtendörfli oder auf dem Guggershörnli gegenseitig kurz ansehen, und dabei wird der Pollerer vielleicht, aber nur ganz kurz, denken: «Ach ich armer, ratloser Single! All diese Pärchen haben für die Feiertage ein Programm!» Alldieweil euch durch den Kopf gehen wird: «Ach, wir armen, ratlosen Pärchen! All diese glücklichen Singles können über die Feiertage ohne Diskussion und ohne Geplärr machen, was ihnen grad spontan einfällt.»

Peter Schibler ist Senior Columnist in Bern und wünscht schon mal einen guten Rutsch. www.derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 28.12.2016, 06:45 Uhr

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