«Polizisten ticken anders»

Die «Bund»-Leserinnen und -Leser diskutieren im Stadtgespräch heftig über die Arbeit der Polizei und deren Verhältnis zur Berner Bevölkerung. Auch ein Polizist meldet sich zu Wort.

Grosseinsätze der Polizei, wie etwa bei YB-Spielen, sind oft umstritten.

Grosseinsätze der Polizei, wie etwa bei YB-Spielen, sind oft umstritten. Bild: Manuel Zingg

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In Bern polarisiert keine Behörde stärker als die Kantonspolizei. Dies widerspiegelte die Diskussion auf der Onlineplattform Stadtgespräch des «Bund». Die Leserinnen und Leser stützen sich bei ihren Einschätzungen teilweise auf eigene Begegnungen mit den kantonalen Sicherheitskräften. Dabei haben sie deutlich unterschiedliche Erfahrungen gemacht. «Die Polizeiarbeit erlebe ich meist als kompetent und ich habe grundsätzlich Vertrauen in das Corps», schreibt etwa Yvonne Prieur. Bei Michael von Bergen ist das Gegenteil der Fall. «Polizeiliches Handeln in Bern ist bei meinen Dutzenden Erfahrungen kaum verhältnismässig gewesen», schreibt er. «Die Beamten handeln oft völlig übertrieben oder sind der Situation nicht gewachsen.» Bei polizeilichem Fehlverhalten könne man dem Corps nichts anhaben, schreibt von Bergen weiter.

Schwere Vorwürfe

Die Transparenz bei der Behörde wird bemängelt. «Die Polizei verhält sich äusserst undurchsichtig», schreibt Sandro Cavelti. Anzeigen gegen Polizisten würden mit einer Gegenanzeige beantwortet und durch die Staatsanwaltschaft und die Polizei selbst behandelt. Mehrere Leser verlangen, dass eine unabhängige Ombudsstelle für Beschwerden gegen die Polizei eingerichtet werde. Im neuen Polizeigesetz, das am 10. Februar Abstimmungsthema ist, ist jedoch keine solche vorgesehen. Gegen eine Ombudsstelle wehre sich das Corps mit Händen und Füssen, schreibt Cavelti.

Problematisches Verhalten durch Polizisten vermelden mehrere Teilnehmende. Der Polizei werden grundlose, offenbar rassistisch motivierte Personenkontrollen vorgeworfen. Laura Portmann etwa erzählt, sie habe vor wenigen Tagen beobachtet, wie zwei Minderjährige aufgrund ihrer Hautfarbe kontrolliert worden seien. Luca Piazzalonga gibt an, selber «abschätziges Verhalten aufgrund meines Aussehens» vonseiten der Polizei erlebt zu haben.

Wegen exzessiver Gewaltanwendung bei Demonstrationen kommen die Polizisten ebenfalls unter Beschuss. Hierzu werden sie jedoch auch in Schutz genommen. Die Polizei mache in der Stadt Bern unter angespannten Verhältnissen einen guten Job, schreibt Peter Kummer. «Was sie täglich erdulden müssen, geht auf keine Kuhhaut!»

Anonymer Polizist

Von Spannungen und Provokationen schreibt ein Leser detailliert. Er nennt seinen Namen nicht, doch gibt an, Polizist zu sein. An Demonstrationen werde er konstant beleidigt oder sogar angegriffen. «Wenn Steine fliegen, soll sich die Polizei nicht wehren?» Für viele seien die Demos ein Anlass, die Polizei als Feind darzustellen. Von den tagtäglichen Einsätzen, etwa bei Einbrüchen, Unfällen oder häuslicher Gewalt, spreche kaum jemand. Zudem seien die Polizisten nicht für die Gesetze verantwortlich, die sie umsetzen müssten. «Ich bin längst nicht mit allem einverstanden, was ich machen muss. Aber ich kann damit leben und ich finde, ich mache einen sinnvollen Job.»

Der anonyme Polizist räumt allerdings ein, dass Fehler passierten. «Wir sind auch nur Menschen, die viel erleben und einstecken müssen. Das ist aber keine Entschuldigung.» Er selbst fordert auch eine unabhängige Stelle, um polizeiliche Vergehen zu beurteilen. Zum Polizeigesetz werde er sich der Stimme enthalten.

Rolf Helbling wiederum lehnt das Gesetz klar ab. Dennoch hat er konstruktive Kritik an die Behörden: «Die Polizei sollte viel mehr zu Fuss und als ‹Freund und Helfer› auftreten», schreibt er. Die meisten Polizisten tickten ganz anders als die Mehrheit der Stadtberner Bevölkerung. «In dem Ausmass, in dem die Stadt links geworden ist, wurden die Polizisten rechter und wohnen auch nicht mehr hier.» Er schlägt «körperliche und geistige Anwesenheit» als Ansatz zur Lösung der Spannungen vor. «Man sieht selten die Gesichter von Polizisten und so verlieren sie den Kontakt zur Bevölkerung.»

Und wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Kantonspolizei Bern? Vertrauen Sie dem Korps? Was liesse sich verbessern? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch.»

(Der Bund)

Erstellt: 29.01.2019, 16:25 Uhr

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