«Politik hat mich schon immer interessiert»

Der 16-jährige Sportgymnasiast Nick Siegenthaler hat mit einem Aufsatz zum UNO-Sicherheitsrat eine Bildungsreise in die USA gewonnen.

Das Thema UNO-Sicherheitsrat fasziniert Nick Siegenthaler.

Das Thema UNO-Sicherheitsrat fasziniert Nick Siegenthaler.

(Bild: Adrian Moser)

Ist ein Sicherheitsrat, der sich aufgrund des Zweiten Weltkriegs formiert hat, heute noch zeitgemäss? Mit dieser Frage beginnt Nick Siegenthalers Aufsatz zur Reform des mächtigsten UNO-Organs. Auf vier Seiten argumentiert der Berner Gymnasiast, weshalb der Sicherheitsrat vergrössert werden müsse.

Und: Er plädiert dafür, dass die fünf ständigen Ratsmitglieder nicht länger ein uneingeschränktes Veto-Recht haben sollten, sondern bei einem Einwand gegen eine Resolution innert vier Wochen einen Gegenvorschlag präsentieren müssten.

Falls der Rat diesen ablehnte, würde man zum Ausgangsvorschlag zurückkehren, schreibt Siegenthaler. Die fünf mächtigsten Staaten der Welt verlören jedoch mit diesem Schritt bei der betreffenden Sachfrage ihr Vetorecht.

Der von Nick Siegenthaler entworfene Reformvorschlag besticht durch eine ausgeklügelte Systematik. Insbesondere die Idee, das Vetorecht zu beschränken, ist interessant, denn damit blockierten die Vetomächte Frankreich, Russland, China, die USA und Grossbritannien immer wieder Friedensprozesse, sagt Siegenthaler. «Bei Beschlüssen zum Nahen Osten stellen sich die USA häufig quer, um ihre Eigeninteressen zu schützen.»

Solche Vorgänge interessierten ihn sehr, sagt der zurückhaltend wirkende junge Mann, der seit eineinhalb Jahren beim FC Thun spielt. «Kriege haben mich schon immer aufgeregt», hält er fest. In der Tat beginnen seine Augen zu funkeln und seine Stimme wird lauter, wenn er sagt: «Es sollte doch eigentlich normal sein, dass man unterdrückten Menschen hilft – ohne ans Erdöl zu denken.»

Deshalb brauche es unbedingt einen neuen, anderen Sicherheitsrat. Einen, in dem Afrika, Lateinamerika, Asien, die Karibik und Australien besser repräsentiert seien und das Vetorecht eingeschränkt werde. Mit diesen Vorschlägen hat er den diesjährigen «United Nations Pilgrimage for Youth»-Wettbewerb gewonnen – zusammen mit acht weiteren Schweizer Gymnasiasten.

Anfang Juli reisen sie gemeinsam mit Jugendlichen aus aller Welt an die Ostküste der USA und besuchen unter anderem den UNO-Hauptsitz in New York. Finanziert wird die zweiwöchige Bildungsreise vom schweizerischen «Odd Fellows»- Orden.

Es mag im ersten Moment überraschen, dass sich ausgerechnet ein ambitionierter Nachwuchsfussballer mit einem Essay zur Reform des UNO-Sicherheitsrat hervortut. Aber im Gespräch zeigt sich rasch, dass Nick Siegenthaler ein nachdenklicher junger Mann ist, der keineswegs nur Sport im Kopf hat. «Ich war schon immer politisch interessiert», sagt er und verweist auf seine Eltern, die diesen Zug wohl mitgeprägt hätten.

Seine Mutter arbeitet bei der Sozialdemokratischen Partei Schweiz (SPS), und sein Vater beschäftigt sich beruflich mit erneuerbaren Energien. «Beim Nachtessen reden wir oft über die anstehenden Wahlen in den USA oder die Konflikte im Nahen Osten», erzählt der gross gewachsene Gymnasiast.

Nick Siegenthaler ist auch ein systematischer Denker: Sein im Aufsatz skizziertes Projekt «Enlargement of the Security Council» hat er nicht etwa nur mit Worten umschrieben, sondern auch als komplexen Entscheidungsbaum dargestellt. «Ich strukturiere gerne», sagt der 16-Jährige bescheiden.

Am Gymnasium Neufeld belegt er als Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht. Auch Geschichte finde er «spannend». Dass ihn der UNO-Sicherheitsrat derart faszinieren würde, habe er aber nicht erwartet.

Während der einwöchigen Vorbereitungszeit auf den Englisch-Aufsatz hätte er dann Feuer gefangen: «Je länger ich mich damit befasste, desto mehr interessierte mich das Thema.» Trotzdem lautet sein grösster Berufswunsch: Fussball-Profi. «Aber man muss realistisch bleiben», sagt er. «Auch den Lehrerberuf fände ich spannend.»

Wenn Nick Siegenthaler nicht gerade Bälle kickt oder schlägt (er spielt auch ab und zu Tennis), dann schwingt er gerne den Kochlöffel. Wer nun denkt, der Sportler koche sich am liebsten einen Teller Spaghetti, der irrt. Sushi mache er gerne – oder Rindstartar. «Hauptsache, nicht so normales Zeugs» sagt er und lacht – und überrascht sein Gegenüber ein weiteres Mal.

Der Bund

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