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Pointen auf Fingerdruck

Wo sitzt der Held im Stadttheater, der so flink übersetzt, wie die Leute auf der Bühne singen? Katja Bury lüftet 
das Geheimnis und sagt, wieso die Übertitelungsanlage in «La Cenerentola» auch zur Kommentier-Maschine wird.

Der Opernbesucher im Berner Stadttheater ist den Service längst gewohnt: Wenn die Sänger singen, leuchten rechts und links der Bühne Sätze auf. Zeile für Zeile kann das Publikum mitlesen und verstehen, was da klingt, selbst wenn es Tschechisch oder Finnisch wäre oder die gesungenen Wo-o-o-o-rte bis zur Unkenntlichkeit gedehnt oder zerhackt werden, weil der Komponist das so will.

Die Übertitel haben kein Eigenleben. Egal wie viel Pathos über die Bühne schwappt, die Leuchtschriften bleiben neutral, zudem angenehm portioniert und mit einem Blick erfassbar, auch wenn gleichzeitig drei, vier Leute singen. Selbst auf Verzögerungen in der Musik reagiert die Schrift sensibel, wenn ein Dirigent sich an einer Stelle etwas mehr Zeit lässt oder ein Sänger einen Wimpernschlag später einsetzt als in der Probe. Auch durch instrumentale Intermezzi lässt sie sich nicht beeindrucken. Wenn nötig leuchtet der Übertitel später oder macht Pause. Richtig ist er immer. Man kann sich auf ihn verlassen. Bloss, wer ist da am Werk: ein Mensch. Eine Maschine?

An der Übertitelung einer Oper seien viele beteiligt, sagt Katja Bury. Oder anders: Menschen und Maschinen. Die Lichtschriften, die der Zuschauer während einer Opernaufführung liest, sind eigentlich Powerpoint-Folien, die live per Knopfdruck eingespielt werden. Allein sitzt der Übertitler dann in seinem Kämmerlein, unsichtbar im zweiten Rang des Theaters über den Köpfen des Publikums, und liest Takt für Takt den Klavierauszug mit. Gleichzeitig beobachtet er auf dem Monitor den Dirigenten und behält auch die Bühne im Auge. Läuft alles normal?

An den Stellen, an denen er in der Partitur durch eine Zahl markiert hat, dass die Anzeige wechselt, löst der Übertitler mit einem leichten Fingerdruck auf die Tastatur die neue Schrift aus. Was sich simpel anhört, ist eine höchst anspruchsvolle Arbeit, die enorme Konzentration verlangt. Und gleichzeitig ist sie nur die Spitze eines Eisberges. Bis der Übertitler überhaupt den Knopfdruck auslösen kann, sind bereits Monate der Vorarbeit investiert worden. Übertiteln bedeutet auch aufwendige Fleissarbeit. Man arbeite gerne mit Studenten zusammen, sagt Bury. Musikwissenschaftlern oder Germanisten, die darauf hofften, einmal beruflich in der Dramaturgie einzusteigen. «Beim Übertiteln kann man sehr viel lernen.»

Eine Hilfe, keine Ablenkung

Dass dies Fleissarbeit ist, gaubt man gern: Über 600 einzelne Übertitelungsfolien mussten für Rossinis Oper «La Cenerentola» bereitgestellt werden. Die Aufgabe ist viel komplexer als etwa bei der Synchronisation eines Filmes. In der Oper muss Musik und Text Rechnung getragen werden. Takt für Takt, Wort für Wort werde eine Partitur zerpflückt. Und unzählige Entscheide getroffen, wie die Dialoge in leicht fassliche Einheiten aufgeteilt werden könnten. «Ein Übertitel soll eine Hilfestellung bieten, keine Ablenkung», sagt Katja Bury. Meistens habe man beim Übersetzen auch schon das Regiekonzept im Kopf. Das sei wichtig, nicht nur wegen der Mehrdeutigkeit von Begriffen in unterschiedlichen Sprachen. «Wenn zum Beispiel von einem Dolch die Rede ist, ein Regisseur aber eine andere Waffe ins Spiel bringt, dann muss man vorsichtig anders übersetzen. Der Zuschauer soll lesen können, was er gerade hört und sieht, und dennoch sollen die Übertitel das Gesungene abbilden.»

Wenn in einer Oper in kurzer Zeit extrem viel Text gesungen wird und der Zuschauer schnell und viel lesen müsste, damit er nichts verpasst, greifen die Übertitel lenkend ein. «Dann gilt es, in der Übersetzung zu paraphrasieren», sagt Katja Bury, «aber so, dass die Leuchtschrift die Pointen auf der Bühne nicht zu früh verrät.» Seit zwei Jahren sind die Übertitel im Berner Stadttheater übrigens seitlich vom Bühnenbild angebracht und nicht mehr mittig. «Das war damals dem Bühnenbild des ‹Fidelio› geschuldet, bei dem es nicht anders möglich war.» Man sei dabei geblieben. «Die seitliche Anbringung hat den Vorteil, dass der Zuschauer im Parterre nicht mehr riskiert, eine Nackenstarre zu bekommen, wenn er die Übertitel verfolgt», schmunzelt Bury.

Übertitel sind heute in vielen Opernhäusern Standard. In den renommiertesten Opernhäusern mit internationalem Publikum gibt es sogar eigene Displays in jedem Zuschauersitz. Da kann der Opernbesucher seine Übertitel dann auch noch unter zahlreichen Sprachen auswählen. Verständlich, dass sich der Aufwand multipliziert, ebenso die Kosten.

Rosarote Kommentartafeln

Früher, als die Technik noch fehlte, haben gedruckte Libretti den Zweck der heutigen Übertitel erfüllt. Das Publikum hielt die Texte während der Vorstellung in der Hand. Zur Zeit Rossinis waren die mit Gaslampen beleuchteten Theatersäle auch noch weniger dunkel als heute. Kommt hinzu, dass man die Opern besser kannte. Das Theater diente als Ort für gesellschaftliche oder geschäftliche Zusammenkünfte.

«Ein Opernbesucher schaute sich zu Händels oder Rossinis Zeiten eine Oper vier- oder auch fünfmal nacheinander an. Mal mit dem einen, mal mit dem andern Geschäftspartner», so Katja Bury. «Dann sah man eben das erste Mal den einen, das andere Mal den andern Akt. Dazwischen wurden Geschäfte getätigt, oder man unterhielt sich. Heute, wo ein Zuschauer eine Oper normalerweise nur einmal sieht, hat er den Anspruch, das Gesamtpaket – Handlung und Musik – gleich beim ersten Mal zu verstehen.»

Morgen wird im Berner Stadttheater Rossinis «La Cenerentola» wieder aufgenommen. Und es gibt einen triftigen Grund, sich die Opernkomödie ein zweites Mal anzusehen: wegen der Übertitel! Denn in dieser Inszenierung sind sie ein Spezialfall. Regisseurin Cordula Däuper hat die Figur des Alidoro, den Rossini als Märchenerzähler dazu erfunden hat, zum Anlass genommen, selbst auch ins märchenhafte Geschehen mit einem komödiantischen Extra einzugreifen: Off-Kommentare, Subtexte und kleine Moderationen verleihen dem Geschehen auf der Bühne augenzwinkernd einen doppelten Boden. Wie diese Übertitel aussehen? In rosaroten Kommentar­tafeln scheinen sie auf, mitten ins ­Bühnenbild integriert.

«Das übliche Gezicke»

Die projizierten Sprechblasenwolken dürften wie bei der Premiere in der Saison 2012/13 für viel Heiterkeit sorgen. «Das übliche Gezicke», steht etwa da, wenn sich die Stiefschwestern um den Prinzen raufen. Oder es wird gar der ­wenig hilfreiche italienische Text eingeblendet, wenn der vermeintliche Prinz in seiner Arie mal wieder kein Ende zu finden droht. «Das will dann heissen: «Es ist inhaltlich egal, was der Prinz singt», sagt Bury. «Es geht ihm in diesem Moment ja nur darum, mit seinem musikalischen Wortschwall ein Mädchen zu bezirzen.»

Und die «normalen» Übertitel, die Lese-Pointen auf Fingerdruck? Sie werden von den Projektionen nicht tangiert und aufscheinen, Takt für Takt, Wort für Wort. Und stets zur rechten Zeit – sofern sich der unsichtbare Held im zweiten Rang an seiner Maschine nicht vertippt.

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