Plötzlich ist da ein Mahnmal in der Stadt

An der Berner Heiliggeistkirche hängen Tausende Stofffetzen. Jeder steht für einen Menschen, der auf der Flucht gestorben ist.

An der Heiliggeistkirche beim Berner Bahnhof soll verstorbenen Flüchtlingen gedacht werden.

An der Heiliggeistkirche beim Berner Bahnhof soll verstorbenen Flüchtlingen gedacht werden.

(Bild: Manuel Zingg)

Ungewohnter Anblick mitten in Bern: Die Heiliggeistkirche hat seit Samstag, dem Flüchtlingstag, ihr Aussehen allmählich verändert. Sie ist zu einem Mahnmal geworden. An ihrer Fassade hängen gegen 25'000 Stofffetzen - am Ende sollen es über 35000 sein. Auf jedem ist ein Name aufgeschrieben, der Name eines Menschen, der auf der Flucht nach Europa sein Leben verloren hat.

Die Aktion trägt den Titel «Beim Namen nennen – 35'597 Opfer der Festung Europa» und wird durchgeführt von der Offenen Kirche Bern. Seit Samstagmittag werden in der Heiliggeistkirche von einer langen Liste die Namen der Flüchtlinge vorgelesen sowie die Umstände, die zu ihrem Tod geführt hatten. Anschliessend wird jeder Name aufgeschrieben.

Auf jedem Stofffetzen steht der Name der verstorbenen Person – sofern er bekannt ist. Bilder: Manuel Zingg

Seit Samstag stehen mehrere Dutzende Freiwillige im Einsatz. Trotzdem hat es nicht gereicht, die Aktion wie geplant bis am Sonntagmittag abzuschliessen, wie Pfarrer Andreas Nufer auf Anfrage sagt. «Wir führen die Arbeit am Sonntagnachmittag weiter, bis sie beendet ist.»

Beim Schreiben geflüstert

Die Aktion sei sehr friedlich und ohne Zwischenfälle verlaufen, sagt der Heiliggeist-Pfarrer. Die Teilnehmenden hätten beim Aufschreiben der Namen geflüstert. «Zuweilen gab es Tränen.» Von Passanten und Passantinnen habe es «sehr viele und sehr positive Reaktionen» gegeben. Kritik an der Aktion sei nur ganz selten geäussert worden.

Auch Touristen werden auf die Aktion aufmerksam.

Gemäss der Liste, die der Aktion zugrunde liegt und die im Internet zugänglich ist, sind seit 1993 mindestens 35'597 Menschen auf der Flucht nach Europa gestorben. Die meisten ertranken im Mittelmeer. Andere erstickten in Lastwagen.

Man wolle aber nicht bloss trauern und die Opfer würdigen, sagte der Pfarrer letzte Woche, als die Fassade der Kirche für die Aktion vorbereitet wurde. Mit diesem «riesigen Mahnmal mitten in der Stadt» solle auch Wut und Protest zum Ausdruck gebracht werden.

Die Stofffetzen sollen zwei Wochen lang hängen bleiben.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt