Planloses Plastikrecycling in Bern

Einst strebte die Stadt Bern beim Kunststoffrecycling eine Pionierrolle an. Heute herrscht Ratlosigkeit darüber, wie man Kunststoff rezyklieren sollte.

Mit dem grünen Kehrichtsack werden Kunststoffabfälle aus den Haushalten fürs Recycling gesammelt.

Mit dem grünen Kehrichtsack werden Kunststoffabfälle aus den Haushalten fürs Recycling gesammelt. Bild: Valérie Chételat

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Ein Abfallchaos, zu teuer und nicht zielführend: Am 1. Oktober 2012 beerdigte die Stadt Bern ein Projekt, mit dem man zur Pionierin in der Schweiz hätte werden wollen. Die Idee war einleuchtend. Statt den Kunststoff, der in den Haushalten anfällt, zu verbrennen, sollte dieser gesammelt, sortiert, rezykliert und einem immerwährenden Stoffkreislauf zugeführt werden.

Die Stadt richtete daraufhin unterirdische Behälter ein, in welche die Bewohner allen Kunststoff werfen konnten, der in einem Haushalt so anfällt: Joghurtbecher, Spaghetti-Verpackungen oder die plastifizierten Milchkartons. Selbst Zürcher Politiker nahmen sich Bern als Vorbild.

Schon nach wenigen Jahren stoppte die Stadt das Projekt aber wieder. «Wildes Deponieren» rund um die Sammelstellen und Abfalltouristen aus den Nachbarkantonen waren die Folgen.

Immer mehr Anwohner bei den Sammelstellen beschwerten sich über die «unhaltbaren Zustände», es gab technische Probleme, und das Sammelverfahren war doppelt so teuer wie die Verbrennung.

Studie verspricht Klärung

Mit dem Abbruch des Projekts hat sich bei den Verantwortlichen anhaltende Ernüchterung breitgemacht. Heute sagt der Leiter Entsorgung und Recycling der Stadt Bern, Walter Matter: «Aktuell haben wir keine grossen Pläne mit gemischtem Kunststoffrecycling.» Man sei sich etwas unschlüssig.

Denn selbst in der Fachwelt herrsche derzeit Uneinigkeit darüber, wie die Kunststoffe am besten gesammelt und weiterverarbeitet werden sollen. Manche Fachleute sprechen sich für Trennung des Plastiks bereits durch die Konsumenten aus. Andere erachten die gemischte Kunststoffsammlung, wie sie die Stadt Bern ausprobierte, als zukunftsträchtig.

Matter verspricht sich seit langem Klarheit von einer Studie («Kunststoff-Verwertung Schweiz») des Bundesamtes für Umwelt (Bafu), die bereits 2010 in Auftrag gegeben wurde. Das Bafu will sich derzeit nicht festlegen, wann die Studie publiziert werden kann.

Auch der Kanton hegt keine grossen Pläne beim gemischten Kunststoffrecycling. Marc Häni, Sprecher bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (BVE), sagt: «Die Kosten für Sammlung, Transport und Sortierung sind immer noch sehr hoch. Zwar sei man für Kunststoffrecycling, aber nicht um jeden Preis», so Häni. Denn Kunststoffrecycling müsse nachhaltig sein - das impliziere auch Wirtschaftlichkeit. Und selbst das Bafu empfiehlt auf seiner Webseite den Gemeinden, «mit einer Sammlung von gemischten Kunststoffabfällen aus Haushalten noch zu warten».

Einige bernische Gemeinden trotzen dem Bundesamt aber. Etwa im 400-Seelen-Dorf Tschugg am Bielersee kann seit Mittwoch der Haushaltsplastik in grünen Kehrichtsäcken abgegeben werden (Sammelsack.ch). Gemeindepräsidentin Brigitte Walther sagt: «Wir haben nicht gefragt, sondern einfach gemacht, weil wir es eine gute Sache finden.» Mit dem Projekt könne man viel Rohstoffe sparen, «und es ist ökologisch sinnvoll».

Initiiert hätte das Projekt eine lose Gruppe von Bürgern. Umgesetzt wird es von Sortec AG. Das Unternehmen führt das Sammelgut in die Ostschweiz, wo es beim Branchenleader Innorecycling sortiert und rezykliert wird.

Etwa 60 Prozent des Kunststoffes können wiederverwertet werden. Der Rest wird hauptsächlich in Zementfabriken verbrannt und ersetzt dort andere Brennstoffe wie Kohle. Ein 60-Liter-Sack für den Kunststoff kostet in Tschugg 2.50 Franken, ein herkömmlicher 1.60 Franken.

Bereits über ein Jahr Erfahrung mit dem Kunststoffsammelsystem hat Matthias Schwendimann, Geschäftsleiter des gleichnamigen Unternehmens. «Wir konnten mit dem Kunststoffsack in Münchenbuchsee und Kirchberg ein Bedürfnis in der Bevölkerung befriedigen», sagt er.

Aber im Kanton Bern habe man es beim gemischten Kunststoffrecycling nicht so einfach wie in der Ostschweiz, wo alle Verarbeiter ihre Anlagen stehen hätten. «Wir müssen das Plastik leider weit transportieren.»

Die Ostschweiz ganz vorne

Dass momentan punkto Kunststoffrecycling insbesondere in der Ostschweiz vermehrt Aktivitäten stattfinden, bestätigen andere Branchenkenner und beobachtet auch Irene Epp, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bafu. Wichtige Unternehmen wie Innorecycling oder Baldini pushen in der Region Solothurn und in der Ostschweiz das Geschäft mit dem gemischten Kunststoffrecycling aus Haushalten.

Ein weiterer Grund kennt Gunter Stephan, Ökonomieprofessor der Uni Bern: «Die Recycling-Strukturen sind in der Ostschweiz seit jeher besser etabliert worden.» Das hänge möglicherweise mit der dort verwurzelten chemischen Industrie zusammen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hat aber selbst die Ostschweiz das Nachsehen.

In der Schweiz werden heute rund 11 Prozent der jährlich anfallenden Kunststoffabfälle wieder als Kunststoff aufbereitet. Mehr als die Hälfte davon macht alleine das PET-Recycling aus. In Deutschland etwa liegt der Wert gemäss Umweltbundesamt bei 42 Prozent. (Der Bund)

Erstellt: 06.01.2016, 08:17 Uhr

«Die Schweiz hat ein Müllproblem»

Gunter Stephan ist Ökonomieprofessor an der Universität Bern. Er arbeitet am Oeschger Center for Climate Change Research.

Herr Stephan, Jedes Kind kennt PET und weiss, dass man den Kunststoff recyclieren kann. Weshalb tut man nicht einfach dasselbe mit dem restlichen Kunststoff?

Bei anderen Kunststoffen ist das Recycling technisch viel schwieriger, weil der Plastik gerade aus Haushalten nicht sortenrein ist. Es ist technisch nicht möglich, verschiedene Kunststoffarten zusammen zu rezyklieren. Ausserdem ist der Energieaufwand sehr hoch, und die physikalischen Eigenschaften des Kunststoffes gehen beim Rezyklieren zum Teil verloren.

Ist Kunststoffrecycling also gar nicht sinnvoll?

Ich bin persönlich kein Fan von Recycling. Es ist «the end of the pipe» – das Ende der Leitung. Denn man lässt zuerst ein Problem entstehen und versucht es dann mit riesigem Aufwand zu lösen. Besser wäre, den Kunststoffverbrauch zu verringern. Gerade die Schweiz hat ein Problem mit Kunststoffmüll.

Inwiefern?

Die Pro-Kopf-Menge Kunststoffabfall ist in der Schweiz höher als in Amerika. Ausserdem entlastet Recycling nur das Gewissen der Leute. Das ist falsch. Denn Kunststoffrecycling bedeutet hohen Energieaufwand. Ich würde politisch auf Vermeidung statt auf Recycling setzen.

Wie stellen Sie sich das in der Praxis vor?

In Deutschland wird das sogenannte duale Modell als Erfolg gefeiert. Es verpflichtet die Wirtschaft, in Umlauf gebrachte Verpackungen nach Gebrauch zurückzunehmen und bei deren Entsorgung mitzuwirken. Das hatte in Deutschland einen Abfallrückgang zur Folge.

Ist das auch ein System für Bern?

Ich würde mindestens auf Kantons­ebene die Grossverteiler dazu verpflichten, entsprechende Recycling-Strukturen mit zu finanzieren. Denn die Unternehmen rechnen auf den Rappen genau, das bringt Effizienz.

Wie sieht die Situation in der Europäischen Union aus?

In Frankreich ist Kunststoffrecycling kaum ein Thema. In Österreich, Dänemark oder Holland sind ähnliche Systeme wie in Deutschland etabliert. Auf EU-Ebene wurde kürzlich ein Programm der «zirkulären Ökonomie» beschlossen. Das Programm läuft 2017 an und soll Stoffkreisläufe schliessen.

Bis das Programm Realität wird, dürfte aber noch einige Zeit vergehen?

Das ist wohl ähnlich wie beim kürzlich beschlossenen Pariser Klimaabkommen. Die Umsetzung braucht relativ lange. Unter optimistischen Voraussetzungen funktioniert die Idee vielleicht 2020 auf EU-Ebene in der Praxis.

Bis dahin wird noch viel Kunststoff verbrannt, und beim Recycling gehen grosse Mengen durch Qualitätsminderung (Downcycling) verloren. Verfügt der Mensch in 100 Jahren noch über Kunststoff?

Es gibt bereits heute die Möglichkeit, den Kunststoff zu ersetzen. Zum Beispiel durch teurere Silikatprodukte auf Sandbasis. Aber auch andere Alternativen. Ich bin mir sicher, dass der Mensch Alternativen finden wird.

Innorecycling

Eine Konkurrenz für Kehrichtverbrennungsanlagen?

Die Firma Innorecycling aus dem Kanton Thurgau ist der Platzhirsch unter den Unternehmen, die gemischte Kunststoffe rezyklieren – Kunststoffe also, die vor allem in Haushalten etwa durch Verpackungen anfallen. Rund 1'000 Tonnen gemischten Kunststoff aus Haushalten sammelt das Unternehmen pro Jahr ein.

In der Schweiz werden jährlich rund 90'000 Tonnen rezykliert. Das meiste davon sind PET und Industriekunststoffe. Doch Geschäftsleiter Markus Tonner sagt: «Das Geschäftsfeld mit gemischten Kunststoffen hat ein extrem grosses Wachstumspotenzial.» Das Kunststoffrecycling sei ein grosses Kundenbedürfnis.

Tonner geht davon aus, dass in der Schweiz pro Jahr theoretisch 240'000 Tonnen Kunststoff gesammelt werden könnten. Die Befürchtung, dass der Kunststoff den Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) fehlen würde, teilt Tonner nicht. «Mit dem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum fällt mehr Kunststoffabfall an.»

Wenn man das Recycling sukzessive ausbaue, könne in Zukunft auf den Neubau von KVA verzichtet werden. Zudem sei eine Recyclinganlage halb so teuer wie ein neues KVA, um dieselbe Menge Kunststoff zu verarbeiten. Mit dem Recycling erhöhe man ausserdem die Wertschöpfung und Vermindere den CO2-Ausstoss.

Energie Wasser Bern betreibt die KVA Forsthaus. Auch Sprecherin Alexandra Jäggi sagt: «Das Kunststoffrecycling ist keine direkte Konkurrenz.» Wichtig sei, dass wertvolle Rohstoffe geschont würden. Die Verbrennung sei ein thermisches Recycling, das sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll sein könne. «Wird Kunststoff verbrannt, kann Energie in Form von Fernwärme und Strom genutzt werden und es muss weniger Erdöl verbrannt werden.»

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