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«Perspektiven»: Von der Konkurrenz der Katastrophen

Die Dürre in Ostafrika, das Attentat in Oslo - was bekommt wie viel mediale Aufmerksamkeit?

Keystone

Der Massenmord in Norwegen, begangen durch einen verblendeten, grössenwahnsinnigen Fremden- und Linkenhasser, lässt auch abgebrühte Zeitgenossen sprachlos zurück. Dass einer fast achtzig Menschen tötet, damit seine abstrusen Ideen danach über die Welt verbreitet würden, lässt nicht nur Norwegen im Zustand des Schocks zurück, sondern alle, die noch zu normalen Empfindungen fähig sind.

Gleichzeitig spielt sich in Ostafrika eine Tragödie apokalyptischen Ausmasses ab: Von der schlimmsten Dürreperiode seit 60 Jahren sind Millionen von Menschen direkt bedroht; Zehntausende sind schon verhungert, Hunderttausende könnten ihnen folgen, wenn die Hungerhilfe nicht sehr rasch und sehr umfassend einsetzt.

Tote Norweger vs. tote Afrikaner?

Nun ist meine Redaktion – und ich mit ihr – von einigen Leserinnen und Lesern heftig kritisiert worden, weil wir während einiger Tage mehr über Norwegen als über Somalia, Äthiopien und Kenia berichteten. «Die Terroranschläge in Oslo werden mit einem grossen Bild und Dramatik dargestellt, während ein kleiner Artikel in der Ecke über die Hungersnot in Afrika berichtet», bemängelten zwei Leserinnen.

Das betraf die Zeitung vom letzten Samstag, und dazu ist immerhin zu sagen, dass wir im Zeitungsinnern nur eine halbe Seite zu Oslo brachten – das volle Ausmass des Massakers war am Freitagabend letzter Woche noch gar nicht bekannt –, hingegen eine ganze Seite über die Hungersnot.

Doch ich habe Mühe, wenn eine Katastrophe gegen eine andere aufgerechnet wird. Den zwei Leserinnen kann ich versichern, dass wir weit entfernt sind von jenem Zynismus, der besagt, dass hundert tote Europäer mehr Gewicht haben als zehntausend tote Afrikaner. Wir haben an jenem Freitagabend intensiv über genau diese Frage diskutiert: Heute ist Oslo in aller Munde; aber langfristig ist die Tragödie in Afrika von viel grösserer Tragweite. Was also unternehmen wir als Zeitung, die einen Anspruch auf seriöse Berichterstattung erhebt?

Erst im Lauf des Abends kamen wir zum Schluss, Oslo den grösseren Teil der Frontseite einzuräumen, weil wir davon ausgingen, dass dieses schreckliche Ereignis am Samstag unsere Leserinnen und Leser am meisten bewegen werde.

Einem Massenmörder geholfen

Ein Leser fand es «widerwärtig und beschämend, wie wenig Selbstreflexion sich der ‹Bund› hier in seiner Rolle als medialer Propagator leistet». Wir hätten auf unseren Seiten einen Massenmörder «seine degoutante Glorifizierung inszenieren lassen», schrieb der Leser weiter, und hätten ihm so «als naive Steigbügelhalter auf seinem Ritt hinaus in die Weltöffentlichkeit» gedient.

Man kann dies tatsächlich so sehen, aber die Überlegungen des Leserbriefschreibers verweisen auch direkt auf die Zwickmühle, in welcher wir stecken. Denn – und das gilt nicht nur für den äusserst krassen Fall Oslo, sondern es gilt für jede kleine Pressekonferenz – wir wollen uns einerseits nicht instrumentalisieren lassen, schon gar nicht für abwegige, perverse Ideen wie jene des norwegischen Massenmörders. Anderseits haben wir einen Informationsauftrag. Wir können ein Ereignis nicht totschweigen, nur weil wir wissen, dass es zum Zweck der Propaganda inszeniert worden ist. Sonst dürften wir an keine Pressekonferenz mehr gehen.

Dilemma der Zeitungsmacher

In Wirklichkeit war die Selbstreflexion selbstverständlich präsent, und das Dilemma, in welchem wir als Zeitungsmacher steckten, ebenfalls: Ziel des rechtsextremen Attentäters war es, mit einer grösstmöglichen Untat die grösstmögliche internationale Aufmerksamkeit zu erringen. Anderseits erwarten unsere Leserinnen und Leser von uns, dass wir ein solches Ereignis reflektieren, und dass wir Informationen liefern, die im besten Fall den Stand der Erkenntnis verbessern und dazu beitragen, dass man sich ein Bild machen und ein eigenes Urteil fällen kann.

Hätten wir zu Oslo nur eine dürre Agenturmeldung gebracht, statt nach Aufklärung und Erklärungen zu suchen, hätten das viele unserer Leserinnen und Leser zu Recht nicht verstanden. Dass alle andern Tageszeitungen an jenem Freitagabend gleich entschieden haben, beweist zwar nicht, dass der Entscheid richtig war; auch eine Mehrheit kann sich irren. Aber es belegt, dass man in guten Treuen zu diesem Entscheid kommen konnte.

Ostafrika nicht vergessen

Aber wir haben Ostafrika ob Oslo nicht vergessen. Oslo war ein eklatantes Ereignis wie zum Beispiel die Attentate von New York vor fast genau zehn Jahren. Ostafrika ist eine schleichende Tragödie, die sich langsam in unserem Bewusstsein ausbreitet – zu langsam, das gebe ich unumwunden zu.

Im «Bund» und in unserem Schwesterblatt «Tages-Anzeiger» haben wir allerdings schon am 22. Juni – früher als viele andere – erstmals ausführlich von der Hungerkatastrophe am Horn von Afrika berichtet. Am 14. Juli publizierten wir einen sehr grossen Bericht über die verzweifelte Situation beim Flüchtlingslager Daadab in Kenia. Am 16. Juli, also vor zwei Wochen, verfasste ich einen samstäglichen Leitartikel über Dürre und Hunger, worin ich für rasche und umfassende Hungerhilfe plädierte. Und seither haben wir fast jeden Tag davon geschrieben.

Nein, liebe Frau T., wir «ergötzen» uns nicht «an den Einzelschicksalen der Täter und der Opfer in Norwegen», wie Sie uns vorwerfen. Und schon gar nicht versuchen wir, mit den Berichten über Oslo «die Menschen zu unterhalten». Wir versuchen genau das, was Sie von uns fordern: «auch über komplexe Themen zu informieren und zum Nachdenken anzuregen». Diese Forderung gilt, meine ich, für Ostafrika ebenso wie für Oslo. Ich behaupte nicht, wir hätten sie in jedem Fall erfüllt; ich behaupte nur, dass wir uns darum bemühen.

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