Peinigung auf dem Velostreifen

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann ist kein schlechter Sportsfreund. Er mag es nur nicht, wenn ihn Senioren auf dem E-Bike überholen.

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Velofahren hat sich zu einer perfiden Angelegenheit entwickelt. Damit will ich nicht auf unlautere Aufputschmittel im professionellen Radsport zu sprechen kommen. Nein, es geht mir um etwas völlig anderes. Immer wenn ich am Aargauerstalden von einem Rentner auf E-Bike überholt werde, frage ich mich, ob das im Sinne der Natur ist. Ich fühle mich meiner Privilegien der Jugend beraubt, wenn jemand, der mindestens doppelt so alt ist wie ich, die 48 Höhenmeter bis zur Viktoriastrasse in höchstens halb so langer Zeit zurücklegt.

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Nun werden Sie mich sicherlich für einen schlechten Sportsfreund halten, aber mit Sport hat das ja gerade eben nichts zu tun. Wenn ein ruheständiger Radler auf seinem Rennvelo an mir vorbeischrammt, durch nichts als reine Muskelkraft und eisernen Willen angetrieben, dann folge ich ihm mit achtungsvollem Blick, bis er hinter der Strassenbiegung verschwindet. Die Überholmanöver der E-Bike-Fahrer hingegen sind Erlebnisse ganz anderer Art. Alsbald das verheissungsvolle Sirren des Elektromotors in Hörweite rückt, fühle ich mich wie die Babyrobbe, die des heranschiessenden Hais gewahr wird – es gibt kein Entkommen. Entgegen dem Schicksal der Babyrobbe entgehe ich zwar den Unannehmlichkeiten des Gefressenwerdens, dafür stirbt in mir jeweils ein Stück der ohnehin schon stark angewelkten Jugend.

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Nennen Sie es ein Konstrukt meiner Fantasie, aber ich bin der festen Überzeugung, dass den lebensabendlichen E-Bikern genaustens bewusst ist, was sie mir und meinesgleichen antun. Wegen ihrer unnatürlich hohen Fahr­geschwindigkeit bleibt mir zwar kaum Zeit, ihre Gesichter zu studieren, doch glaube ich jeweils unter der schweissfreien Stirn zwei vor Hochmut und Häme leuchtende Augen zu erblicken. Vertreter der nachrückenden Generation zu überholen, muss ihnen ein kurzes Gefühl frisch erblühter Juvenilität schenken.

Da mit einem E-Bike Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 45 Kilometern pro Stunde zu erreichen sind, können pro Tag beinahe beliebig viele Jungspunde gedemütigt werden. Wer sich an den Füssen von Berns Hügeln genau umsieht, wird dort bestimmt auf der Lauer liegende E-Bike-Rentner sichten, die nur darauf warten, bis man sich in die Steigung wirft. Danach setzen sie ihren Helm und ihr selbstzufriedenstes Lächeln auf und jagen dem Jungsein hinterher. Doch egal wie viele Akkus die Ruheständler leerradeln, das Rad der Zeit lässt sich bekanntlich nicht zurückdrehen.

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Kein neuzeitliches Phänomen ohne Impakt auf das gesellschaftliche Zusammenleben. Zwar wurden bisher keine wissenschaftlichen Untersuchungen eingeleitet, um festzustellen, in welchem Grad E-Bike-Rentner die Gesellschaft zugrunde richten, doch ich ahne Schlimmes. Der Prozentsatz von Menschen zwischen 18 und 30 Jahren, die ihr Velo aus Entmutigung oder Protest im Keller verenden lassen, dürfte kontinuierlich steigen. Dadurch entsteht in dieser Altersgruppe ein starkes Bewegungsdefizit. Direkte Folgen: Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Arbeitsunfähigkeit. Die Wirtschaft erlahmt, das Gesundheitssystem implodiert. Deshalb wäre es dem Wohle der Allgemeinheit nur dienlich, wenn E-Bike-Rentner künftig wieder zu den Nordic-Walking-Stöcken anstatt zum Velolenker greifen würden.

Martin Erdmann ist «Bund»-Online-­Redaktor und mag keine Strassen­steigungen über sieben Prozent. (Der Bund)

Erstellt: 30.09.2016, 07:18 Uhr

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