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«Peaceful», sagt Robert Frank

Am Freitag wird er im Stadttheater für sein Lebenswerk als Fotograf geehrt, gestern traf Robert Frank in Bern ein. Ein Spaziergang.

Am Freitag wird der Fotograf Robert Frank im Stadttheater für sein Lebenswerk geehrt.
Am Freitag wird der Fotograf Robert Frank im Stadttheater für sein Lebenswerk geehrt.
Adrian Moser
Der in Zürich geborene Frank unternahm zwischen 1940 und 1980 ausgedehnte Reisen...
Der in Zürich geborene Frank unternahm zwischen 1940 und 1980 ausgedehnte Reisen...
swisspressphoto, Robert Frank, curtesy of National
...oder zumindest den nötigen Raum, um die Gedanken schweifen zu lassen.
...oder zumindest den nötigen Raum, um die Gedanken schweifen zu lassen.
swisspressphoto, Robert Frank, curtesy of National
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Robert Frank und seine Frau June Leaf sind eben erst angekommen. Zwei Stunden Schlaf, und jetzt biegen sie, in Begleitung des Fotografen Michael von Graffenried, um die Ecke beim Fédéral. Er unauffällig in Braun, sie farbig gekleidet. Er mit abgeschossener Kappe, sie mit schlohweissem Haar. Sie 83, er 88 Jahre alt. Manchmal berühren sie sich flüchtig, aber zärtlich. Sie gehen Arm in Arm, in der Mitte Frank, links Leaf, rechts ein krummer Stock.

Wie oft hört man doch von Franks Bärbeissigkeit. Er spreche nicht gern mit Menschen. Nichts davon an diesem milden Tag auf dem Bärenplatz. Frank setzt sich zu den Schachspielern. Sitzen muss er immer, stehen geht nicht mehr. Nimmt man neben ihm Platz, fragt er freundlich nach dem Befinden. Wir sprechen englisch, obwohl Frank seine Zürcher Mundart nie abgelegt hat.

Ein friedvoller Ort

«Peaceful» sei es hier, sagt Frank und meint, es habe sich seit seiner Abreise wenig verändert. Das war in den 1940er-Jahren. Bevor er ging, hatte er dem Land gedient: In den letzten Wochen des Krieges verteidigte er als Grenadier die Grenzen einer Heimat, mit der er später nichts mehr zu tun hatte. Frank ist oft nach Europa zurückgekehrt, aber warum sollte er sich einem Land verbunden fühlen, das seinem Vater, einem gebürtigen Deutschen und Juden, die Staatsangehörigkeit verweigerte, weil er keine Mundart konnte?

«Peaceful», sagt Frank wieder. Neben ihm in der Frühlingssonne zu sitzen, ist in diesem Moment nichts anderes als friedvoll. Frank spricht langsam, macht Pausen und schiebt einen zweiten Gedanken hinterher. Mit welchem Gefühl er die Schweiz verlassen habe? Er sei vorbereitet gewesen. Wohin er heute fahren würde, wollte er seine berühmte Reise durch die Staaten von 1957 noch einmal machen? Nach Südamerika. Darum freue er sich über den Preis der Stiftung Reinhard von Graffenried. Er finanziere ihm die nächste Reise.

«Ach, der Frühling»

Ob man den Frühling in Schwarzweiss abbilden könne? «Ach, der Frühling.» Einen unsentimentaleren Menschen als Robert Frank kann man sich nicht vorstellen. Ausser, man fragt ihn nach den Umständen der Entstehung seines Buchs «The Americans». Er habe seine Familie durchbringen müssen, sagt er in ganz anderem Ton. Das waren damals seine erste Frau Mary Lockspeiser und die Kinder Andrea und Pablo. Beide sind tot. Frank steht auf, wünscht Glück und geht zu Leaf.

Dann sitzen sie an der Front, fragen sich, ob hier alle Touristen seien, und reden noch einmal über die Schweiz, die ja nicht grösser sei als Connecticut. Den Schweizern am Tisch ist nicht klar, was das bedeutet. Der jüngst verstorbene Gil-Scott Heron, auch eine Respektsperson der amerikanischen Gegenkultur, wenngleich nicht so berühmt wie Frank, sagte von sich, er habe ein Ego so gross wie Texas. Aber er sei neu hier und wisse nicht: «Does that mean big or small?»

Zwei grosse Dichter

Später gehen Frank, Leaf und der Stock stadtabwärts ins Robert-Walser-Zentrum, wo Reto Sorg eine Frank-Ausstellung eingerichtet hat. Der Fotograf betritt den Raum. Er sieht die Bilder, dreht sich ein Mal um sich selbst und geht. Frank setzt sich in die Bibliothek und liest Walser. Die Ausstellung stellt eine Verbindung zwischen dem Werk der beiden her. June Leaf, klug und kritisch - sie ist selbst Künstlerin - betrachtet die Bilder länger. Ihr gefällt die Ausstellung, doch sie bezweifelt die Prämisse: Frank habe nicht viel Walser gelesen. «So ist das oft. Am stolzesten ist man auf jene Künstler, die gegangen sind. Weil man sie zurückhaben will.»

Aber Robert - sie meint Frank - sei so ein grosser Dichter, vielleicht halte er die Story unterdessen selbst für wahr. «Welche Geschichte werden Sie also glauben?» Beide, weil beide stimmen? «So ist es gut», sagt sie. Später setzt sich Frank noch einmal zu seinen Bildern. Leaf und Sorg einigen sich darauf, dass er und Walser sich hätten kennen können. So ähnlich seien ihre Werke. «Manchmal ist es schwer, jemanden kennen zu lernen», sagt Gil-Scott Heron, «aber dann unmöglich, ihn zu vergessen.»

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