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Patina aus Bits 'n' Bites

Wie schminkt man eine Stadt auf alt? Indem man die Moderne per Mausklick vertreibt: Ein Blick auf das digital bearbeitete Bern aus Xavier Kollers Film «Eine wen iig, dr Dällebach Kari».

Um der Stadt die nötige Patina zu verleihen, wurden unter anderem Greenscreens verwendet.
Um der Stadt die nötige Patina zu verleihen, wurden unter anderem Greenscreens verwendet.
zvg
Entstanden ist ein Bild des Nydeggstalden, wie er zu Dällebach Karis Zeiten (1877-1931) ausgesehen hat.
Entstanden ist ein Bild des Nydeggstalden, wie er zu Dällebach Karis Zeiten (1877-1931) ausgesehen hat.
zvg
Ein grosser Aufwand für einige Sekunden Filmsequenz!
Ein grosser Aufwand für einige Sekunden Filmsequenz!
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Letzten Juli ging Sonderbares vor in der Berner Altstadt: Bewohner räumten ihre Geranien nach drinnen, Menschen kippten Dreck aufs Kopfsteinpflaster, überpinselten Strassenmarkierungen oder klebten Schilder ab. Innert Stunden wurde Bern gut hundert Jahre älter – für den Filmdreh von Xavier Kollers «Eine wen iig, dr Dällebach Kari».

Auf dem Set war auch Miklos Kozary. Seine Arbeit sollte jedoch erst später so richtig beginnen – und zwar dort, wo weder Dreck, Farbe, noch Klebeband weiterhalfen. Der Visual-Effects-Spezialist und sein Team von Elefant Studios verpassten dem Bern aus Dällebachs Zeiten am Computer den letzten digitalen Schliff. Sie entfernten per Mausklick Ladenschilder oder störende elektrische Kabel und verliehen der Altstadt so die nötige Patina.

Trotzdem war Kozary während der Dreharbeiten oft auf dem Set. Denn das Leben macht manchmal auch der akribischsten Planung einen Strich durch die Rechnung. Zum Beispiel, wenn es der Baudirektion gefällt, just in der Nacht vor dem Dreh eine grosse Baustelle in der Nähe zu eröffnen, die im Hintergrund sichtbar wurde. «Das bedeutete für uns, dass wir die Baustelle mit Greenscreens abdecken mussten. Das sind grüne Tücher, die es einfacher machen, den Hintergrund später digital zu ersetzen», erinnert sich Kozary.

Eine Handvoll Statisten, doppelte Wirkung

Visuelle Effekte werden immer dort eingesetzt, wo reale Aufnahmen entweder unmöglich, zu gefährlich oder zu teuer sind. Letzteres trifft auch auf jene Szene zu, in welcher der junge Kari durch die belebte Kramgasse radelt, umgeben von Kutschen, Kindern und Passanten. Die Digitaltechnik machte es möglich, dass für diese Szenerie wesentlich weniger Statisten vonnöten waren: So filmte man zunächst die eine Strassenhälfte voller Passanten, während die andere leer blieb. Dann füllte man die zweite Strassenhälfte mit denselben Statisten und platzierte sie so, dass nicht auffällt, dass es dieselben sind. Das Team von Elefant Studios fügte die beiden Aufnahmen anschliessend zu einer zusammen.

«Die Schwierigkeit dabei war, dass Kari dabei mit dem Velo von links nach rechts fährt. Wir trennten ihn deshalb Bild für Bild aus der einen Aufnahme und fügten ihn dann wieder ein», so Kozary.

Eine Frage des Budgets

2008 bündelten acht Spezialisten ihr Know-how und gründeten in Zürich die Firma Elefant Studios. Neben visuellen Effekten für Spielfilme setzen die Jungunternehmer auf 3-D-Animation – für Filme, aber auch für Werbung. «Früher musste man für visuelle Effekte ins Ausland», sagt Marco Fischer, Producer bei Elefant Studios. Neben grossen Werbekunden wie der Migros oder der Post schmücken auch Schweizer Spielfilme das Portfolio: der Weltraumthriller «Cargo» ebenso wie Tim Fehlbaums Endzeit-Vision «Hell».

Meistens sind bloss digitale Retuschen gefragt, jedoch sei ein Trend zur aufwendigeren digitalen Bearbeitung spürbar, sagt Fischer: «Sogar in Dokumentarfilmen setzt man auf visuelle Effekte, um etwa die Aussage eines Bildes zu verstärken.» Grössere Eingriffe, so wie in «Dällebach Kari», sind jedoch im Schweizer Film noch eher selten – was vor allem eine Frage des Budgets ist. Unter gewissen Umständen kann es allerdings sogar kostengünstiger sein, sich digital zu behelfen.

Zum Beispiel im Fall des Textilgeschäfts Geiser, wo Kari seine spätere Angebetete, die Besitzertochter Annemarie, zum ersten Mal sieht. Vor dem bestehenden Gebäude am Nydeggstalden baute Kollers Crew das Erdgeschoss des Ladens als Kulisse auf. Das Obergeschoss jedoch entstand später in den Rechnern von Elefant Studios.

Kozary erklärt, wie das vor sich ging: «Es ist nicht viel anders als bei einem realen Bau. Wir erstellten zuerst aufgrund der Pläne des Artdirectors ein 3-D-Modell, das sich drehen und von allen Seiten anschauen lässt.» Anschliessend musste dieses in das bestehende Filmbild integriert werden – ein Prozess, der eine sogenannte virtuelle Kamera benötigte, damit das Digitalbild exakt über das Filmbild gelegt werden konnte. «Am Schluss mussten wir die Übergänge zwischen dem echten und dem digitalen Gebäude so sanft gestalten, dass man keinen Unterschied sieht».

Die Punkte klebten nicht

Das grösste Kopfzerbrechen bereitete dem Team von Elefant Studios jedoch nicht die Berner Architektur, sondern ein Baby. Denn für Klein-Kari, der mit einer Lippen-Gaumen-Spalte zur Welt kam, fand sich – zum Glück – kein passender Darsteller. So musste die Hasenscharte digital aufgeschminkt werden. «Wir mussten die Lippen-Gaumen-Partie des Kindes komplett ersetzen. Und damit das glaubwürdig erscheint, muss die Bewegung der digitalen Lippe exakt mit der realen übereinstimmen», sagt Kozary. Da Bewegung mathematisch aber schwierig zu erfassen ist, wollte man beim Dreh kleine Punkte als Orientierungshilfe aufs Gesicht des Bébés kleben. So einfach war das aber nicht: «Zuerst waren die Punkte viel zu gross», so Kozary, «und dann klebten sie nicht auf dem Make-up. Da muss man dann improvisieren.»

All der Aufwand für wenige Sekunden Film, und am Ende spricht keiner darüber; ist der Job als Visual-Effects-Spezialist nicht manchmal frustrierend? Kozary: «Nein. Wenn jemand sagt, er habe von den Effekten gar nichts gesehen, dann ist das für mich das grösste Kompliment.»

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