«Patienten sind keine Werkstücke»

Der ehemalige Chef des Loryspitals hält nichts von Spitalplanung und Fallpauschalen. Am 19. Februar wird Rolf Adler 80 Jahre alt.

Rolf Adler sagt, er habe sich in die Katzen verliebt: «Tiere erweitern die Seele der Menschen.»

Rolf Adler sagt, er habe sich in die Katzen verliebt: «Tiere erweitern die Seele der Menschen.»

(Bild: Manu Friederich)

Naomi Jones

«Tiere sind wichtig», sagt Rolf Adler. «Sie erweitern die Seele der Menschen.» Darum hat der Arzt auch schon die Tierarztrechnungen einer Patientin bezahlt. Das Sprechzimmer ist klein und voller Katzenfiguren und -bilder.

Etliche hat er von seinen fünf erwachsenen Kindern oder den sieben Enkeln erhalten. Noch etwa zwölf Stunden pro Woche empfängt der ehemalige Chefarzt des Berner Loryspitals und emeritierte Professor für Psychosomatik Patienten in der Praxis einer Kollegin.

Schon Pawlow habe bei seinen Hunden gemerkt, dass äussere Abläufe auf innere wirkten. Das Zusammenspiel der äusseren und inneren Abläufe bei Menschen ist Adlers Lebensthema. Er brachte die biopsychosoziale Medizin von Amerika nach Bern und etablierte sie hier.

Wie sein amerikanischer Lehrer George Engel glaubt Adler nicht an Zufall, wenn Menschen krank werden. Und es sei auch kein Zufall, wenn sie wieder gesund würden.

Als Chef des Loryspitals brachte Adler seinem Team die Zusammenhänge zwischen Patienten und Umwelt bei. «Wenn wir einen gebrochenen Finger behandeln, dürfen wir nicht vergessen, dass ein Mensch dazu gehört», erklärt er.

Diese Aussage habe in den Achtzigerjahren unter seinen Kollegen für Wirbel gesorgt. Doch habe er damit bloss gemeint, dass sich auch eine relativ einfache Verletzung je nach Situation sehr unterschiedlich auf das Leben eines Patienten auswirken könne. «Ich habe es mehrmals erlebt, dass jemand aufgrund eines scheinbar harmlosen Bruchs eine Invalidenrente benötigte», erzählt der Arzt.

Weil kein Patient in ein Schema passe und jede Krankheit anders verlaufe, spricht sich Rolf Adler vehement gegen Fallpauschalen im Gesundheitswesen aus. «Sie sind eine bittere Sache», sagt er. Marktwirtschaftliche Überlegungen hätten in der Medizin nichts verloren.

Dass Spitäler zu wachsen versuchen, um im Markt zu bestehen, sei ein Skandal. «Das gehört sich in der Medizin nicht.» Auch von der kantonalen Spitalplanung hält er nichts. «Patienten sind keine Werkstücke, die man je nach Fall in ein grösseres oder kleineres Spital steckt.»

Die Angehörigen spielten für die Heilung eine wichtige Rolle. Doch wenn das Spital zu weit weg sei, könnten die Angehörigen ihre kranken Familienmitglieder weniger oft besuchen.

Hingegen sieht Adler bei der Patienten-Anamnese ein grosses Sparpotenzial im Gesundheitswesen. «Wenn das Erstgespräch zwischen Arzt und Patient gründlich und sauber geführt wird, landen viel weniger Patienten in der Abklärungsmaschinerie.»

Mit der Abklärungsmaschinerie meint Adler technische Untersuchungen zur Diagnose. Geschulte Ärzte, die sich genügend Zeit nehmen, könnten viele teure Untersuchungen überflüssig machen.

«Marktwirtschaftliche Überlegungen haben in der Medizin nichts verloren.»

Doch gerade die Ausbildung der psychosozialen Fähigkeiten sind heute ein Stiefkind im Medizinstudium. Vor zwei Jahren sind die Betten für psychosomatische Patienten im Loryspital um fast zwei Drittel reduziert worden.

Adlers Nachfolger, der an der Uni Bern auch den Lehrstuhl für Psychosomatik innehatte, wechselte das Spital und der Lehrstuhl wurde bis auf weiteres nicht mehr besetzt. Er war dank der Freundschaft von Rolf Adler zu seinem ehemaligen Schüler Daniel Vasella während zehn Jahren von Novartis finanziert.

Rolf Adler spricht langsam und in wohlgeformten Sätzen, auch wenn er sich empört. Ab und zu legt er eine Pause ein, um nachzudenken. Bevor er wieder spricht, scheint es, als müsse der Satz Anlauf holen. «80 zu werden ist etwas Komisches», sagt er.

Er könne es nicht glauben. Noch steigt er jede Treppe hoch und geht in Kehrsatz, wo er mit seiner Frau Michèle und dem Kater Leo wohnt, täglich eine Viertelstunde zu Fuss zum Bahnhof. Auch sportlich ist er noch aktiv. Soeben war Adler zum Langlaufen im Engadin.

Rolf Adler ist im Marzili aufgewachsen. Der Vater kam als Kind aus Ungarn in die Schweiz. In Bern führte er ein Geschäft für Herrenmode. Die deutsche Mutter sei, kurz bevor die Nazis an die Macht kamen, in die Schweiz gezogen. Ein Glück. Denn einige Familienmitglieder starben im Konzentrationslager.

Die Familiengeschichte prägt Adler bis heute. «Ich habe erlebt, dass Freiheit und Recht jederzeit kaputtgehen können», sagt er. Dessen sei er sich bei jeder Abstimmung bewusst. Und wenn er findet, etwas laufe falsch, greift er zur Feder und schreibt einen Leserbrief.

Der Bund

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