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«Passepartout»-Kantone erproben Frühfranzösisch, und Bern schaut zu

Nächstes Jahr führt Bern Frühfranzösisch ein — Erfahrungen werden aber anderswo gesammelt.

Patrik Rappo ist sich gewohnt, zu improvisieren. Mangels Alternativen bringt er seinen Dritt- und Viertklässlern seit Jahren mit «Bonne Chance» Französisch bei — obschon sich das Lehrmittel erst ab der fünften Klasse eignet. Damit ist nun aber bald Schluss — und Rappo ist überhaupt nicht traurig darüber. Mit Enthusiasmus erprobt der Primarlehrer im freiburgischen Dorf Rechthalten derzeit das modernste Franzlehrmittel überhaupt. «Mille feuilles» — wie das Werk des Schulverlags heisst — setzt auf authentische Texte, erforschendes Lernen, spannende Geschichten und selbstständiges Arbeiten. Von der ersten Stunde an werden die Kinder in ein «Sprachbad» getaucht, versuchen Verse nachzusprechen, eigene Geschichten zu erfinden oder Videosequenzen zu verstehen. Das neue Lehrmittel bricht definitiv mit Vokabeln-Büffeln oder Verben-Konjugieren.

Rappos Schülerinnen und Schülern macht es Spass. Mit Inbrunst singen sie «Un clown à cheval», lernen den Zirkusalltag kennen und versuchen am Computer das Interview mit dem Nachwuchsartisten Louis zu verstehen. Dabei lernen sie nicht nur Französisch, sondern erschliessen sich über die Fremdsprache auch Themen, die sie interessieren — und das motiviert. Immer wieder sind die Kinder aber auch überfordert von den für Drittklässler sehr schwierigen Texten und Audio-Sequenzen. Doch das hat Konzept. Die Schüler sollen von Beginn weg eine möglichst authentische Sprache und kein Kinderfranzösisch hören. Sogar wenn der Dictionnaire nicht mehr weiterhilft, lassen sich die Schüler nicht entmutigen.

Bevor fünf Kantone an der Sprachgrenze das Lehrmittel im Sommer 2011 flächendeckend einführen, wird es derzeit in 35 Walliser, Freiburger und Solothurner Klassen erprobt und danach vom Verlag noch nachgebessert. Bern, als weitaus grösster Partner im Projekt Passepartout (siehe Kasten), ist nicht dabei. Im Wallis und in Freiburg werde bereits seit Längerem ab der dritten Klasse Französisch unterrichtet. Eine Erprobung des Lehrmittels sei deshalb dort einfacher als im Kanton Bern, wo Französisch heute erst ab der Fünften auf dem Stundenplan stehe, begründet Margret Däscher vom Projektteam der bernischen Erziehungsdirektion. In Bern hätte man den Kindern zusätzliche Lektionen zumuten und das Einverständnis der Eltern einholen müssen. Und: «So stark unterscheiden sich Freiburger oder Walliser Lehrer und Kinder dann doch nicht von Bernern.»

Lehrerverband ist unzufrieden

Beim Berufsverband Lehrerinnen und Lehrer Bern kommt das nicht gut an. «Wir bedauern, dass der Kanton Bern nicht mitmacht», sagt Sprecher Michael Gerber. Auch Berner Lehrkräfte hätten mithelfen können, das neue Lehrmittel zu verbessern. Das Ganze hat für Gerber aber auch eine psychologische Seite. «Die Akzeptanz für das neue Lehrmittel und für Frühfranzösisch im Allgemeinen wäre bei den Berner Lehrkräften sicher grösser, wenn Leute aus unseren Reihen am Testlauf beteiligt wären.» Auch die Schulverlag plus AG, mit Hauptsitz in Bern, bedauert, dass Bern abseits steht. «Es wäre sehr spannend gewesen, zu sehen, wie das Lehrmittel in einem so vielfältigen Kanton funktioniert», sagt Leiter Peter Uhr.

Dafür ist es nun aber zu spät. Ohne Schulversuch im eigenen Kanton wird am 15. August 2011 für alle bernischen Drittklässlerinnen und Drittklässler der Frühfranzösischunterricht mit dem neuen Lehrmittel beginnen. Die Lehrkräfte müssen sich dabei auf die Erfahrungen ihrer Walliser oder Freiburger Kollegen stützen — und diese sind vielversprechend. Der Unterricht mit «Mille feuilles» sei zwar für die Lehrkräfte anspruchsvoller, den Kindern bereite die Arbeit aber grosses Vergnügen, sagt Lehrer Rappo. Und offenbar machen die Schüler auch schneller Fortschritte: Verlagsleiter Uhr sagt: «Das Hörverstehen, der Wortschatz und die Betonung entwickeln sich deutlich besser.» Mühe hätten nur die Eltern, die sich von ihren überholten Vorstellungen des Sprachunterrichts lösen müssten. Uhr: «Hier besteht noch Aufklärungsbedarf.»

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