«Ohne Regeln verroht der Mensch»

Barbara Mühlheim, die abtretende Leiterin der Heroinabgabe, beklagt ein mangelndes Verständnis rot-grüner Kreise für die Repression in der Drogenpolitik.

Ein Vierteljahrhundert später: Barbara Mühlheim im Kocherpark.

Ein Vierteljahrhundert später: Barbara Mühlheim im Kocherpark. Bild: Adrian Moser

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Die Kontrollierte Drogenabgabe (Koda) liegt nur wenige Hundert Meter vom Kocherpark entfernt. Doch in der Schweizer Drogenpolitik war es ein langer Weg von der offenen Drogenszene im Park bis zur Heroinverschreibung. In der Stadt Bern ist diese Entwicklung mit dem Namen Barbara Mühlheims verknüpft. Ihr Rücktritt von der Koda-Leitung ruft Erinnerungen an eine Zeit wach, die sich niemand mehr zurückwünscht. «Im Kocherpark habe ich gelernt, dass Drogenpolitik ohne Repression nicht funktionieren kann», sagt Mühlheim. Anfang der Neunzigerjahre hatte sie als junge «Contact»-Mitarbeiterin beinahe Tag und Nacht Überlebenshilfe geleistet. «Nach der hundertsten Beatmung hörte ich auf zu zählen.»

Der Schock der offenen Szene

Die 59-jährige GLP-Grossrätin ist bekannt dafür, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Und so räumt sie denn auch bereitwillig ein, dass die Überlebenshilfe im Park auch problematische Seiten aufwies. Als positiv bewertet sie die Etablierung der Aidsprävention durch den Spritzenumtausch. In der Arbeit mit Drogenabhängigen habe damals aber der fürsorgerische Ansatz dominiert. Die Süchtigen hätten als Opfer der Leistungsgesellschaft gegolten, denen um jeden Preis geholfen werden müsse. Die Präsenz von Gassenarbeitenden mit Beatmungsgeräten und sauberen Spritzen habe die Verelendung der Abhängigen aber nicht vermindert, sondern noch gefördert. «Die Abhängigen konsumierten ohne Rücksicht auf Überdosen, weil sie um die Präsenz der Nothilfe wussten.» Sie habe dies damals aber erst mit der Zeit realisiert.

Die Lektion, welche die junge Sozialarbeiterin lernen musste, war hart. Die Verelendung der Abhängigen und die Gewalt der Dealer habe in einem unerwarteten Ausmass zugenommen. Unter den bis zu 600 Abhängigen habe eine strenge Hierarchie geherrscht. Die Schwerabhängigen am unteren Ende der Hierarchie waren ständig vor Ort, weil sie nicht genug Stoff kriegen konnten. In der Nacht seien jeweils die Dealer in den Park geströmt und hätten jene Kunden verprügelt, die nicht bezahlen konnten. «Ohne Regeln verroht der Mensch», sagt Mühlheim. Der Mensch könne sich nur dann frei entfalten, wenn es auch ein System gebe, das die Einhaltung der Regeln kontrolliere.

Seit den Zeiten im Kocherpark hat Mühlheim denn auch ein pragmatisches Verhältnis zur Polizei. «Wir haben gelernt, konstruktiv zusammenzuarbeiten.» Die Schliessung der offenen Szene Ende März 1992 sei ein gemeinsamer Entscheid von Gemeinderat, Polizei und Contact gewesen. Möglich geworden sei dieser erst durch begleitende Massnahmen wie die Eröffnung einer weiteren Anlaufstelle, das Bereitstellen von genügend Entzugsplätzen, die Rückschaffung der Auswärtigen in ihre Herkunftsgemeinden und die Heroinverschreibung. «Kritiker der Schliessung hatten einen Anstieg der Drogentoten durch Überdosen prophezeit», sagt Mühlheim. Geschehen sei aber das Gegenteil.

Beruhigung dank Heroinabgabe

Die offenen Drogenszenen in Bern und Zürich waren für die Schweiz ein Schock. Für Mühlheim waren sie eine Folge der «einseitigen Betonung der fürsorgerischen Säule» in der Drogenpolitik. Nach der Schliessung ging es unschweizerisch rasch, bis der Bund die Drogenpolitik mit den vier Säulen Prävention, Repression, Überlebenshilfe und Therapie auf eine neue Basis stellte. Bereits 1994 wurde im ehemaligen pathologischen Institut auf dem Insel-Areal kontrolliert Heroin an eine beschränkte Anzahl Süchtiger abgegeben. Fünf Jahre später hat das Schweizer Stimmvolk den Bundesbeschluss über die ärztliche Abgabe von Heroin mit 54,3 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Die Heroinverschreibung war einer der wichtigsten Faktoren zur Beruhigung der Situation und etablierte sich rasch. Der Umzug der Koda in ein Wohnquartier im Jahr 1998 wurde anfänglich zwar mit Beschwerden aus der Nachbarschaft bekämpft. Mittlerweile hat das Quartier aber mit der Koda zu leben gelernt.

Entfremdung von der Linken

Für Mühlheim selber standen die Erfahrungen im Kocherpark am Anfang einer schleichenden Entfremdung von ihrer ursprünglichen Partei, der SP, und schliesslich auch von den Grünen, denen sie sich vorübergehend angeschlossen hatte. Die im Viersäulenmodell verankerte Gleichwertigkeit von Fürsorge und Repression werde von grossen Teilen der rot-grünen Parteien bis heute nicht anerkannt, sagt Mühlheim. «Auf Interventionen der Polizei gegen die Dealerszene vor der Reitschule gibt es immer noch negative Reaktionen.»

Sogar die Arbeit der Gassen-Interventionstruppe Pinto stosse nach wie vor auf Kritik, obwohl deren Arbeit heute fachlich anerkannt sei. Pinto ist nebst der Koda einer der Hauptgründe dafür, dass es seit dem Kocherpark kaum mehr zu grösseren Szenenbildungen in Bern gekommen ist, sagt Mühlheim. Pinto wäre auch das adäquate Mittel zur Verhinderung der Szenenbildung auf der Schützenmatte und vor der Reitschule. Die Truppe könne dort aber nicht intervenieren, weil die Mitarbeitenden Gewaltakten ausgesetzt werden könnten. «Die Stadt muss der Reitschule klarmachen, dass Pinto überallhin kann», sagt Mühlheim. Aber der Gemeinderat schaue lieber weg, weil er das Machtgebaren einer kleinen Truppe Gewaltbereiter in der Reitschule thematisieren müsste, die dort den Ton angebe. Diese lehne die Zusammenarbeit mit Polizei und Pinto ab.

Regulierter Markt für harte Drogen

Der Weg von der Arbeit nach Hause ist für Mühlheim etwa gleich lang wie der Weg vom Kocherpark in die Koda. Der Heimweg dürfte ihr aber leichter fallen als der Weg von der offenen Szene in die Heroinverschreibung. Die umtriebige Frührentnerin hat aber keineswegs vor, sich zur Ruhe zu setzen. Sie wolle weiterhin vermitteln und «Kompromisse aushandeln» – ob im Grossen Rat oder im Teppichgeschäft, das sie in der Altstadt betreibt. Die Koda werde auch ohne sie weiterexistieren, ist Mühlheim überzeugt. Es brauche sie weiterhin – auch wenn die Klienten immer älter würden und die «reinen Heroinisten» langsam ausstürben.

«Die Zahl der Verwahrlosten hat deswegen nicht abgenommen», sagt Mühlheim. Heute handle es sich dabei oft um Mehrfachabhängige mit einer psychiatrischen Zusatzdiagnose, die Heroin in Kombination mit Kokain, Amphetamin, Alkohol oder Benzodiazepinen konsumierten.

Mühlheims Vorstellungen von der Suchtpolitik der Zukunft gehen in Richtung eines regulierten Marktes, wie er jüngst etwa von Bundesrat Ignazio Cassis (FDP) postuliert wurde. «Harte Betäubungsmittel gehören immer in eine medizinische Verschreibung.» Weiche Drogen wie Cannabis sollten in kleineren Mengen in Apotheken bezogen werden können. Skeptisch ist Mühlheim gegenüber einer Abgabe von Kokain, weil medizinische Verschreibungsversuche gescheitert seien. «Im Unterschied zu Heroin gibt es beim Kokain keinen Sättigungsgrad.» (Der Bund)

Erstellt: 23.03.2018, 06:38 Uhr

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