Ohne Kegelbahn geht es auch - oder besser

Seit nicht mehr so viele Junge kommen, ist der Töggelikasten im Chlyne Hecht in der Berner Länggasse oft verwaist. Da ist treue Stammkundschaft gern gesehen.

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Hanna Jordi

Am Stützpfeiler neben der Theke, nahe bei Kasse und Zapfhahn, kleben Postkarten. Ob aus Fuerteventura, Saas Fee, Tobago oder Rom: Die Gäste des Chlyne Hecht am Seidenweg in der Berner Länggasse richten den Daheimgebliebenen stets ihre Grüsse aus. Es ist ein Brauch: Wer in den Ferien ist, schreibt eine Karte. «Dafür gibt es im Gegenzug ein Bier», erklärt der Wirt Markus Nöthiger die Konditionen.

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Die Beiz liegt etwas zurückversetzt von der Länggassstrasse. Und trotzdem ist der Spunten auch über das Quartier hinaus ein Begriff. Das mag daran liegen, dass er direkt neben dem Kino Corso liegt, dem zweitletzten Sexkino der Stadt. Es könnte aber der Name sein, der ein bisschen an einen Kinderbuchtitel erinnert.

Nöthiger, den hier alle «Kusi» nennen, winkt ab. Nein, an ihm sei kein Schriftsteller verloren gegangen. Der Grund für den Namen sei ein einfacher: Bis in die frühen Neunzigerjahre hatte die Beiz während mehrerer Jahrzehnte Hecht geheissen. Als Nöthiger und seine Partnerin Thesi Aeschlimann das Lokal 2007 übernahmen, wurde die Fläche durch einen Umbau halbiert. Sie tauften es Chlyne Hecht.

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Zwischen Hecht und Chlyne Hecht trug das Restaurant andere Namen: Orientexpress, Chez Ali und San Remo. «Wir wollten zeigen, dass man bei uns wieder für Fyrabebier und Wienerli mit Härdöpfelsalat einkehren kann», sagt Nöthiger. Denn der Hecht hatte unter den Länggass-Bewohnern etwas gegolten. Heute ist die Karte auf Berndeutsch gehalten, «Bratwurscht» und «Biilageänderig choschtet CHF 2.–meh». Den Schritt in die Gastronomie haben die beiden Quereinsteiger – sie Post-Angestellte, er Makler – nie bereut.

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Karin und Otto sitzen an ihrem Stammplatz am Buffet. Sie trinkt Weissen, er Espresso, denn er ist mit dem Auto hier. Statt in der Länggasse wohnt er seit einiger Zeit in Ostermundigen. Er sei ein «Heimweh-Länggässler». «Im Chlyne Hecht treffe ich die Leute, die mir wichtig sind», sagt Otto. Karin, selbst im Gastgewerbe tätig, pflichtet ihm bei. «Hier kann man gesellig sein, sich mit der Clique treffen.» Nöthiger stellt den Bargästen ungefragt einen Teller Pommes frites hin. «Ich stelle ihn in die Mitte, dann haben alle etwas davon.»

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Angestellte hat das Paar nicht. Am freien Sonntag und Montag pflegt der 57-jährige Nöthiger die Internetseite. Wenn es ein Burezmorge oder einen Musikabend gibt, wissen es die Gäste von dort. Wer sich nicht im Internet herumtreibt, erfährt es dennoch, durch Mund-Propaganda. An jedem Tisch werden intensive Gespräche geführt. Nur ein Mann sitzt allein vor seinem Bier. Auf den Bildgalerien zu den Anlässen, die ebenfalls auf der Website zu finden sind, erkennt man viele Gesichter wieder. Etwa jene von Karin und Otto, aber auch jenes des stadtbekannten «Surprise»-Verträgers Res Ammann, der letztes Jahr verstorben ist. Eher selten finden Studenten der nahen Uni den Weg ins Lokal.
«Früher kamen noch mehr Junge, um am Töggelikasten zu spielen», sagt Thesi Aeschlimann. Möglich, dass sich die Jüngeren heute lieber im illustren Café Sattler in der Nähe aufhalten.

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Im Chlyne Hecht hat sich einiges verändert, seit es nicht mehr der Hecht ist. Im Säli ist ein Kosmetikstudio eingemietet, die alte Kegelbahn ist das Probelokal einer Band. Nöthiger sieht darin Vorteile: «Bei einer kleineren Ladenfläche ist es einfacher, ein volles Haus zu haben. Der finanzielle Stress ist kleiner». Das heisst: Manchmal liegen für das Wirtepaar auch Ferien drin. Heuer drei Wochen, die Destination ist noch offen.

Der «Bund» spürt sie auf: die Spunten, die seit Jahrzehnten das Berner Stadtbild prägen. Wohin soll die «Beizentour» als Nächstes führen? Sagen Sie es uns in den Kommentaren oder per Mail an ebundredaktion@derbund.ch.

Der Bund

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