Offene Rechnungen

Nach dem Rauswurf am Stadttheater nun die Auflösung ihres Vertrags: Schauspielchefin Stephanie Gräve erhält ungefähr 200'000 Franken. Sie wirft dem Intendanten Rufschädigung vor.

Stephanie Gräve erhält eine Entschädigung bis Ende 2017.

Stephanie Gräve erhält eine Entschädigung bis Ende 2017. Bild: Manu Friederich

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Schauspielchefin Stephanie Gräve und der Stiftungsrat von Konzert Theater Bern (KTB) haben sich vertraglich geeinigt. Gräve verlässt das Theater definitiv auf den 15. Juli, wie am Mittwoch mitgeteilt wurde. Die Leiterin der Schauspielsparte war am 21. Januar auf Wunsch von Intendant Stephan Märki vom KTB-Stiftungsrat freigestellt worden – die beiden hätten nicht zusammengepasst, rein persönlich, wie der Stiftungsrat mehr als einen Monat später erklärte. Gräve war von ihren Aufgaben entbunden, aber nicht gekündigt.

Die Verhandlungen um die Vertragsauflösung hätten so lange gedauert, weil es ein «schwieriger Prozess» gewesen sei, sagt Stiftungsratspräsident Benedikt Weibel. Anfangs seien die Meinungen der Parteien weit auseinandergegangen. Doch nun konnte man sich einigen: Gräve erhält eine Entschädigung, die der Höhe ihres Lohns bis Ende 2017 entspricht. Diese Summe dürfte schätzungsweise 200'000 Franken betragen. In der Einigung wurde zudem festgehalten, dass Gräve «frei ist, eine neue Stelle oder anderweitige Engagements» anzutreten. Über weitere Einzelheiten haben KTB und Gräve Stillschweigen vereinbart.

Anwaltskosten stehen noch aus

Nach der Freistellung hatte das KTB noch kommuniziert, dass keine Mehrkosten für das Haus anfielen – am Mittwoch revidierte nun Weibel diese Aussage. Tatsächlich soll Gräves Nachfolger im Sommer 2017 angestellt werden. Bis Ende jenes Jahrs fallen damit für die gleiche Stelle zwei Löhne an. Weibel rechnet mit einem Mehraufwand in «mittlerer fünfstelliger Höhe». KTB übernimmt zudem die Anwaltskosten der Schauspielchefin.

Noch nicht eingerechnet sind die juristischen Kosten seitens KTB. Das Theater wurde von Marcel Brühlhart vertreten, Anwalt und Vizepräsident des Stiftungsrats. «Diese Rechnung ist noch offen», bestätigt Weibel. Man werde sie noch intern besprechen, aber Brülhart habe seiner Meinung nach ein Anrecht auf ein Honorar.

Was lernt der Stiftungsratspräsident aus dem Fall Gräve? «Ich habe zehn Jahre an der Universität Bern darüber doziert, dass Personalentscheide häufig schwierig sind», sagt Weibel. Also alles ganz normal am Fall Gräve? Das dann doch nicht: «Der Stiftungsrat bringt sich in der Frage um die Neubesetzung der Schauspielleitung intensiver ein als normalerweise», so Weibel. Denn er hoffe, dass es mit der Person auch klappe, die man voraussichtlich im August vorstellen werde. Seit Gräves Rauswurf leitet Intendant Märki interimistisch die Schauspielsparte.

Stein des Anstosses im «Bund»

«Es ist, wie es ist», sagt Stephanie Gräve. Mit der Vereinbarung seien die rechtlichen und finanziellen Fragen nun geklärt, insofern sie ihr Arbeitsverhältnis mit dem Stiftungsrat beträfen – «auch wenn ich lieber für die Hälfte des Gelds meinen Job hier in Bern weiter gemacht hätte». Offen sei für sie allerdings, «inwieweit der ganze öffentliche Vorgang meinem beruflichen Fortkommen geschadet hat und noch schaden wird».

Gräve spricht von «rufschädigendem Verhalten» und nennt das Interview vom 21. Mai, das Intendant Stephan Märki dem «Bund» gegeben hat. Er habe ihr darin «relativ deutlich» vorgeworfen, sie allein habe sich einer konstruktiven Diskussion verweigert und aus einem Mangel an Erfahrung die Grenzen ihrer Befugnisse verkannt.

Zudem hätten sie die Aussagen Märkis auch künstlerisch in ein falsches Licht gerückt – in der Frage, was sie in den Spielplan der kommenden Saison eingebracht habe. «Die Aussage war, ich sei nur für konservative Blockbuster zuständig. Verschwiegen blieb, dass drei Uraufführungen junger Autoren auf meine Planung zurückgehen.» Gräve nennt die Projekte von Jürg Halter, Ersan Mondtag und Elia Rediger. Sie habe, so die ehemalige Schauspielleiterin, entsprechende Vorbehalte in einem Bewerbungsverfahren zu spüren bekommen.

Der Stiftungsrat schweigt

Ihr Anwalt habe sich beim Stiftungsrat umgehend über das Interview beschwert, sagt Stephanie Gräve. Über allfällige Forderungen und die Reaktion des Stiftungsrats will sie sich allerdings nicht öffentlich äussern: Die Frage betreffe «Details der Verhandlungen über die Vertragsauflösung», und die seien nun abgeschlossen. Kein Kommentar auch vom Stiftungsrat selbst: «Für uns ist mit der vertraglichen Einigung alles erledigt», sagt Stiftungsratspräsident Benedikt Weibel. Auch von Intendant Stephan Märki war am Mittwoch keine Stellungnahme zu haben – wegen der Sommerpause des Stadttheaters, wie der Kommunikationsverantwortliche Jens Breder erklärte. (Der Bund)

Erstellt: 06.07.2016, 14:49 Uhr

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