Oberbottiger Prügel-Crew geniesst viel Sympathie im Quartier

Im Westen von Bern löst der Angriff auf das besetzte Haus wenig Bestürzung aus. Reto Nause glaubt nicht an einen Zusammenhang mit der Zone für experimentelles Wohnen.

Das Haus an der Matzenriedstrasse war vielen ein Dorn im Auge. «Auf dem Land toleriert man keine alternative Lebensformen», sagt Ursula Begert, BDP-Politikerin, die selbst in Oberbottigen lebt.

Das Haus an der Matzenriedstrasse war vielen ein Dorn im Auge. «Auf dem Land toleriert man keine alternative Lebensformen», sagt Ursula Begert, BDP-Politikerin, die selbst in Oberbottigen lebt.

Sie kamen am Sonntagabend, kurz nach dem Eindunkeln: junge Männer, vermummt und mit Schlagstöcken bewaffnet. Einer trug einen Pullover einer neonazistischen Gruppierung. Ihr Ziel: die Besetzerinnen und Besetzer, die am letzten Donnerstag eine Liegenschaft an der Matzenriedstrasse okkupiert hatten, aus dem Haus zu prügeln. Es war ein Überfall mit Ankündigung. Bereits am Tage der Besetzung erhielten die Okkupanten Besuch von einer Gruppe junger Männer, die Drohungen aussprachen und die Besetzer zum Verlassen des Gebäudes aufforderten.

Der Vorfall ereignete sich im Stadtberner Quartier Oberbottigen. Die Besetzerinnen und Besetzer glauben, dass es sich bei den beiden Gruppen um dieselben Personen handelt und diese aus der nahen Umgebung stammen.

Rechte Schlägertrupps in der Hauptstadt? Das ist doch eher ungewohnt. Wobei, Urbanität sucht man in Oberbottigen vergebens. Das Quartier westlich von Bümpliz ist ländlich geprägt. Es besteht hauptsächlich aus kleinen Dörfern und Weilern. Einer trägt den etwas kurligen Namen Chäs u Brot. Der Legende nach haben sich die Kämpfer vor der Schlacht von Laupen in besagtem Weiler gestärkt.

«Das sind Freunde von mir»

Die Kämpfer von der Matzenriedstrasse stärken sich auch heutzutage in einem Restaurant im Dorf. Dies jedenfalls sagt der Wirt des nahegelegenen Gasthofes bei einem von ihm offerierten Kaffee. «Die Angreifer waren die Jungen aus unserem Dorf», sagt er. Er kenne diese sehr gut. «Das sind Freunde von mir; sie kehren oft hier ein.» Es seien aber keine Rechtsradikalen, sondern «SVP-nahe, aufrechte Bauernsöhne».

Er halte den Vorfall für wenig gravierend. «Die wollten den Besetzern nur etwas Angst einjagen.» Gewalt fände er zwar nicht gut, er sei aber trotzdem auf der Seite der Jungen aus Oberbottigen. «Hier auf dem Land verfährt man mit Fremdlingen halt ein wenig anders.»

Er ist nicht der einzige Oberbottiger, der Verständnis für den Übergriff zeigt. «So schlimm wird es wohl nicht gewesen sein – sonst hätte ich es mitgekriegt», sagt ein Mann, der in der direkten Nachbarschaft des kurzzeitig besetzten Hauses wohnt. Er ist froh, sind die Besetzer wieder ausgezogen.

Hundert Meter von dem kurzzeitig besetzten Haus entfernt, befindet sich ein Reitstall. Auch sie habe gehört, dass «die Jungs aus dem Dorf mitgemischt haben», sagt eine Frau, die gerade das Areal betritt. Ein Problem habe sie mit denen aber nicht. «Das sind ganz Sympathische.»

Es gibt aber auch Stimmen, die den Übergriff klar verurteilen: Ein älteres Pärchen sitzt auf der Laube seines Bauernhauses. «Die Besetzer waren freundlich», sagt der Mann. Sie hätten mit einem Brief über ihren Einzug und ihre Beweggründe informiert. «Wir hatten gar keine Probleme mit ihnen.» Den Übergriff kritisieren sie: «Wenn Leute zur Selbstjustiz greifen, macht man sich schon Sorgen.»

Auch Begert zeigt Verständnis

Prominente Bewohnerin von Oberbottigen ist die ehemalige Gemeinderätin und BDP-Politikerin Ursula Begert. Doch selbst sie zeigt Verständnis für den ­gewalttätigen Übergriff. «Auf dem Land toleriert man keine alternative Lebensformen», sagt sie. Die Jungen hätten die Sache wohl selber in die Hand genommen, weil sie dachten, dass die Behörden sowieso nicht handeln. «Mit dieser Einschätzung haben sie nicht unrecht.» Nichtsdestotrotz müssten die Verstösse «der beiden Seiten» geahndet werden.

Begert glaubt, dass der Übergriff in einem Zusammenhang zur geplanten Zone für alternatives Wohnen in Riedbach steht. Nach dem Volksentscheid habe man wohl weiteren Bestrebungen dieser Art «gleich den Riegel schieben» wollen. Dass die künftigen Bewohner der Zone das gleiche Schicksal wie die Hausbesetzer erfahren, glaubt Begert hingegen nicht. Die Wohnzone sei durch einen Volksentscheid legitimiert. Das respektierten die Oberbottiger. «Die Leute hier sind ziemlich obrigkeitsgläubig.»

Ähnlich argumentiert auch der städtische Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP). Man könne vom Vorfall im besetzten Haus nicht auf die Zone für experimentelles Wohnen schliessen, sagt er. «Die Zone ist legal und politisch legitimiert – beides trifft auf ein besetztes Haus nicht zu.» Zudem sei die Realisierung der Zone aufgrund von Einsprachen blockiert. «Es bleibt noch viel Zeit, um den Dialog mit der Quartierbevölkerung zu führen.» Ob bereits konkrete Massnahmen geplant sind, kann Nause nicht sagen. «Das gehört zum Aufgabenbereich der fürs Dossier zuständigen Finanz­direktion.»

In einer früheren Version des Textes war der Gasthof namentlich erwähnt. Auf Bitte von Familienangehörigen des Wirtes, die eine geschäftsschädigende Wirkung befürchten und sich darüber hinaus klar von den Aussagen des Wirtes sowie von Gewalt und Extremismus distanzieren, wurde der Name des Restaurants aus dem Artikel entfernt.

Der Bund

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