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Unerwünschte Berührungen an der Uni

Erleben Studenten der Universität Bern sexuelle Belästigung, gehen sie kaum zu einer Beratungsstelle der Uni. Sexuelle Belästigung sei noch immer ein Tabuthema.

Zehn Prozent der Studierenden haben Belästigungen erlebt, die Hälfte fühlte sich aber nicht betroffen.
Zehn Prozent der Studierenden haben Belästigungen erlebt, die Hälfte fühlte sich aber nicht betroffen.
Franziska Rothenbühler

Rund zehn Prozent der Berner Studierenden haben an der Uni Begebenheiten erlebt, welche gemeinhin als sexuelle Belästigung gelten. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue von der StudentInnenschaft der Universität Bern (SUB) initiierte Befragung. Doch von abwertenden Bemerkungen, anzüglichen Sprüchen und scheinbar zufälligen unerwünschten Berührungen haben sich dennoch nur knapp die Hälfte auch belästigt gefühlt. Das weist darauf hin, dass die Berner Studentinnen und Studenten ziemlich tolerant gegenüber diesen Verhaltensweisen sind. Bei der Befragung, an der 4280 Studierende online und anonym teilnahmen, kam zudem heraus, dass die Personen, die für die Belästigung verantwortlich sind, in grosser Mehrheit Mitstudierende sind.

Unerwünschte Berührung

Die Berner Arbeits- und Organisationspsychologin Marianne Schär Moser schätzt die gemessenen Diskriminierungswerte der Studie als «eher tief» ein. Ein Grund für die im Vergleich mit ähnlichen Befragungen tiefen Werte könnte eine hohe Toleranzschwelle unter Studierenden sein, vermutet sie. «Es wäre interessant zu erforschen, ob die Studierenden generell eine höhere Toleranz gegenüber gewissen potenziell belästigenden Verhaltensweisen insbesondere vonseiten der Mitstudierenden vorweisen als etwa die älteren Mitarbeitenden der Universität», sagt Schär Moser.

Insgesamt drei Prozent gaben bei der anonymen Befragung an, bereits einmal von körperlicher sexueller Belästigung an der Universität betroffen gewesen zu sein. Wie meist bei diesem Thema waren vor allem Frauen davon betroffen. Verantwortlich waren auch hier grossmehrheitlich die Mitstudierenden. Überraschenderweise fühlt sich nur ein vergleichsweise kleiner Anteil der mehrfach körperlich Belästigten durch dieses Verhalten auch wirklich belästigt. Dementsprechend erstaunt nicht, dass die durchschnittliche Umfrageteilnehmerin der Aussage «Die Universität muss mehr gegen sexuelle Belästigung unternehmen» nicht zustimmte.

Ist denn alles paletti, wenn die Berner Studis vergleichsweise wenig sexuelle Belästigung erleben und sich auch selten belästigt fühlen? Nicht ganz. So ergab die Umfrage auch, dass keiner und keine, der oder die sich belästigt fühlte, sich an eine Anlaufstelle der Universität wandte. Zehn Personen suchten sich laut Umfrage aber Hilfe bei einer externen Beratungsstelle.

Eine, die nirgends ihre unangenehme Erfahrung meldete, ist Maria*. Sie sei bei einer Nachbesprechung ihrer Semesterarbeit von ihrem Dozenten an Arm und Schulter berührt worden, erzählt sie. «Mir war das schon unangenehm, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, das irgendwo anzuprangern», sagt sie. Sie habe das Erfahrene damals auch nicht als sexuelle Belästigung eingestuft und sei davon ausgegangen, dass der Dozent das auch nicht «böse» gemeint habe. Der Vorfall habe sich vor über eineinhalb Jahren ereignet. «Damals war ich noch schüchterner», sagt sie. «Heute würde ich mich einfach wehren.» Kurse bei diesem Dozenten habe sie fortan gemieden.

Homepage gibt Tipps

Was ist der Grund dafür, dass sich jene, die sich belästigt fühlen, nicht bei einer der Anlaufstellen der Universität Hilfe holen? Valentina Achermann vom SUB-Vorstand sieht eine mögliche Erklärung bei der Problemwahrnehmung: «Nach wie vor ist sexuelle Belästigung ein Tabuthema und gilt als individuelles Problem.» Für die Betroffenen könne die sexuelle Belästigung eine enorme emotionale Belastung sein und Schamgefühle auslösen. Weiter sagt sie: «Diese Verunsicherung kann dazu führen, dass die Schuld bei sich selbst gesucht wird.» Ausserdem könne die Meldung einer Belästigung mit Risiken wie benachteiligender Behandlung, schlechteren Noten oder dem Vorwurf der Rufschädigung verbunden sein.

«Die Hemmschwelle, sich innerhalb der Institution zu melden, ist deshalb sehr hoch.» Deswegen hat die Universität 2016 eine Plakatkampagne gegen sexuelle Belästigung von Studierenden und Mitarbeitenden durchgeführt und mit verschiedenen Aktionen auf die Hilfsangebote hingewiesen. So berät etwa die Abteilung für Gleichstellung von Frauen und Männern die Studierenden, die unangenehm berührt wurden. Zudem werden auf einer Homepage extra Tipps gegeben. Dort findet man beispielsweise einen Musterbrief für diejenigen, die Angst vor einer direkten Konfrontation mit der belästigenden Person haben. «Mit der Kampagne wurde ein erster wichtiger Schritt für die Sichtbarkeit von sexueller Belästigung an der Universität Bern gemacht», sagt Achermann. Trotzdem sei die Weiterführung der Kampagne für die Enttabuisierung des Themas wichtig. Es sei die Aufgabe der SUB und der Universität, die Hemmschwelle für eine Meldung zu senken.

* Name geändert

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