Nur ein müdes Lächeln für den hiesigen «Dichtestress»

Der weitgereiste EDA-Mitarbeiter liebt es, im Café zu sitzen und zu schreiben. Die kleine Form liegt dem Schriftsteller am Besten.

Wieder im heimischen Bern: Marc P. Sahli mit «Logographien».

Wieder im heimischen Bern: Marc P. Sahli mit «Logographien». Bild: Valérie Chételat

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Wenn Marc P. Sahli schreibt, tut er das nicht gern am Schreibtisch. Allein mit dem bedrohlich leeren Blatt Papier: Diese Situation empfindet er als wenig angenehm. Von einem seiner schriftstellerischen Vorbilder, Peter Bichsel, ist bekannt, dass es auch ihm nicht besser geht. Und so wie Bichsel gerne in der Beiz sitzt, begibt sich auch Sahli gerne in ein Café, «wo ich unter Menschen alleine sein kann», wie er es umschreibt. Dort klappt er keineswegs seinen Laptop auf, sondern schreibt in «altmodische» Notizbücher, wie sie ­literaturaffine Reisende mitführen.

Zwar hat Sahli ausgerechnet eine Geschichte über das analoge Schreiben auf dem Computer verfasst, wie er dem «Bund» im Gespräch verrät, das – kaum verwunderlich – in einer eleganten Berner Gaststätte stattfindet, begleitet von mehreren Tassen Kaffee. «Gedanken formen sich bei mir mittels Handschrift.» Langsam reihten sich die Buchstaben aneinander, bis ein Text entstehe, wobei das Wort Text nicht zufällig mit dem Wort Textil verwandt ist: Beides muss gewoben werden. «Ich muss schreiben», sagt Sahli, der den Stift seit zwei Jahrzehnten regelmässig in die Hand nimmt. Im Schnitt schreibe er zwei Kurztexte pro Monat. Manchmal dauere eine Schreibpause mehrere Monate oder es vergingen sogar mehrere Jahre, bis sich zwei Erlebnisse in einem Text verbänden.

Als Mitarbeiter im Aussendepartement EDA bekam Sahli viele Anregungen von aussen. So liess er sich dienstlich nach Moskau versetzen, eine Stadt, in er schon immer leben wollte. «Ich fühlte mich dort in meinem Element.» Da gab es Feste bei russischen Freunden, bei denen viele Gäste in engen Küchen um einen Tisch sassen, der sich unter der Last der Speisen bog. Hier äusserte sich der homo sovieticus frei, während er in der Öffentlichkeit gewohnt war, den Mund zu halten.

«Ich bin mich am Reintegrieren»

Tripolis galt nicht als Traumdestination, doch liess sich Sahli gerne nach Libyen entsenden, versehen mit der Empfehlung, sich aus politischen Gründen vorsichtig zu verhalten. Der urbernische Name Sahli wurde dort als einheimisch empfunden, denn Sa-h-li (mit aspiriertem H) ist zwischen Maghreb und Libanon ein beliebter Familienname. Hellhäutig und helläugig, wie er sei, sei er wohl ein Berber, mutmassten arabische Freunde.

Auch Sahlis dritte Station hatte es in sich: Pristina. Die damalige schweizerische Aussenministerin Micheline Calmy-Rey mit ihrer «aktiven Neutralität» beeilte sich, den kleinen Staat Kosovo, bislang zu Serbien gehörend, so früh wie möglich zu anerkennen. Sahli lässt sich dazu wenig entlocken, sondern sagt sprichwörtlich diplomatisch: «Die Schweiz im allgemeinen und Frau Calmy-Rey im besonderen sind im Kosovo sehr beliebt.» Ausserhalb der Hauptstadt sei das kleine gebirgige Land der Schweiz nicht unähnlich, und viele kosovarische Familien hätten in der Schweiz Verwandte oder sprächen sogar von einem früheren Aufenthalt her Schweizer Dialekt. «Deswegen habe ich leider nur wenig serbisch oder albanisch gelernt», bedauert Sahli.

Sahli ist inzwischen wieder nach Bern zurückgekehrt. «Ich bin mich am Reintegrieren in der Schweiz», sagt er lachend. Er merke, dass er das Berndeutsch etwas verlernt habe, oft kämen ihm gewisse träfe Ausdrücke nicht mehr in den Sinn. Und sonst? Wie verändert sich der Blick auf das eigene Land, wenn man jahrelang im Ausland weilte? «Man lernt die Zuverlässigkeit der Schweiz schätzen», sagt Sahli, die Pünktlichkeit der Züge, die funktionierende Post, das saubere Trinkwasser. Wer in Moskau in der Stosszeit Metro gefahren sei zu einer Zeit, da Deodorants noch nicht so verbreitet waren, der habe für die hiesige Klage über Dichtestress nur ein müdes Lächeln übrig, sagt der Berner Schriftsteller. Und einen kleinen Stromunterbruch, der hierzulande gleich in der Zeitung vermeldet werde, nehme man andernorts sportlich hin.

Erstaunlich findet Sahli, wie sich die Kulturszene in der Schweiz verändert hat. Es gebe viel mehr Lokale und mehr Veranstaltungen als vor 15 Jahren. Dadurch seien die Besucherzahlen pro Anlass wohl kleiner. «Ich bin froh, dass ich nicht alleine lesen muss», sagt Sahli, der diese Woche einen Auftritt hat (siehe Kasten): «Man kennt mich ja noch nicht so gut.» (Der Bund)

Erstellt: 11.01.2016, 08:25 Uhr

Grosse Welt und kleine Form

Marc P. Sahli ist 1972 in Bern geboren. Er wuchs hier und im Oberaargau auf. In den Jahren 2000 bis 2014 lebte er in Moskau, Tripolis und Pristina. Seit 1987 widmet er sich intensiv der Kunst. Nebst Prosaminiaturen und Kurzgeschichten fotografiert Sahli, wobei die Aufnahmen mit den knappen Bildlegenden eine Verbindung eingehen. Auch Aquarelle hat Sahli geschaffen, zudem liebt er das Klavierspielen. «Logographien», eine Sammlung von Prosaminiaturen, erschien 2014 im Kameru-Verlag. Im kommenden März erscheint ein weiterer Band mit Kurzgeschichten («Vielleicht ein anderer Augenblick»).

An einer Lesung in Bern präsentieren übermorgen fünf bekannte und weniger bekannte Autoren ihre Werke. Neben Marc P. Sahli treten der ehemalige «Bund»-Redaktor Walter Däpp, die Schriftstellerin Ursula Meier-Nobs, die Lyrikerin Andrea Maria Keller und der Kurzgeschichtenautor Oliver Füglister auf. Zwischen den Lesungen gibt es Musik des Jazzmusikers und Komponisten Daniel Woodtli.

Lesung im Kulturlokal Ono, Kramgasse 6, Bern, Mittwoch, 13. Januar, 20 Uhr.

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