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«Nun bin ich nicht mehr Regierungsrat, was solls?»

Heute räumt Urs Gasche, seit 2001 bernischer Finanzdirektor, sein Büro.

Der Blick hinüber zum Münster wird Urs Gasche künftig fehlen. (Adrian Moser)
Der Blick hinüber zum Münster wird Urs Gasche künftig fehlen. (Adrian Moser)

Urs Gasche geniesst hohes Ansehen. Der Mann, der vor nicht ganz neun Jahren als nahezu Unbekannter die politische Bühne des Kantons Bern betrat, hat sich rasch zu einem respektierten Hauptdarsteller entwickelt. Zwei Dinge sind besonders bemerkenswert: Gasche gehörte im Regierungsrat knapp fünf Jahre der Mehrheit und vier Jahre der Minderheit an. Und er hat während seiner Amtszeit die Partei gewechselt.

Man merkt es dem 55-jährigen Fürsprecher an, dass er mit dem, was er im Regierungsrat geleistet hat, zufrieden ist. Er wirkt entspannt, wie immer. Ja, sagt er, er sei mit sich und mit dem, was er «hier gemacht» habe, im Reinen. «Aber», fügt er rasch hinzu, «ich habe mich nicht eine Sekunde lang über dieses Amt definiert». Darum falle es ihm jetzt auch nicht schwer, es aufzugeben. «Nun bin ich nicht mehr Regierungsrat, was solls?» Während des Gesprächs lehnt er sich immer wieder im Stuhl zurück und verschränkt die Hände hinter dem Kopf. Manchmal fasst er sich mit Daumen und Zeigefinger an die Ohren und zieht sie leicht nach oben.

Am Besprechungstisch lässt er zuerst die Gäste einen Stuhl auswählen. «Ich wollte mich nie auf einen Stammplatz festlegen.» Sein Büro befindet sich im zweiten Stock der Finanzdirektion. Die Münsterglocken läuten. Es ist laut. Der Besuch bittet, das Fenster schliessen zu dürfen, weil die Kassettenaufnahme gestört wird. Der Griff lässt sich nicht verriegeln. «Man darf nicht zu stark drücken», sagt Gasche. Dieses Fenster lehre einen etwas: «Wenn man etwas mit aller Gewalt will, geht es nicht.»

«Keinen Franken aus Bern»

Gasche, der nie Grossrat war, hat rasch Fuss gefasst im Regierungsrat. Keine zwei Monate nach seinem Amtsantritt am 1. September 2001 liess er keck verlauten, die serbelnde Swissair bekomme «keinen Franken aus Bern». Einige glaubten bereits, mit dieser Aussage habe er sich selber abgeschossen. Doch die Entwicklung gab ihm recht. Das trug ihm Respekt ein. Und er hatte damit eines gezeigt: Er ist ein Mensch mit Standpunkt, der es wagt, seine Meinung zu sagen.

Diese Eigenschaft und die Fähigkeit, klar zu denken und daraus die nötigen Schlüsse zu ziehen, erlaubten es Urs Gasche, sich selber zu bleiben. Am eindrücklichsten kam diese Stärke im bewegten Sommer 2008 zum Ausdruck, als sich die SVP spaltete. Nachdem die SVP Schweiz die Kantonalsektion Graubünden aus der Partei geworfen hatte, wusste er, was zu tun war. Seine Argumentation klang so, als würde er sie aus einem Mathematikbuch vorlesen: Er wolle nicht zu einer Partei gehören, die eine ganze Kantonalpartei wegen des Verhaltens eines einzelnen Mitglieds (Eveline Widmer-Schlumpf) ausschliesse. Und einer Partei, die einen derartigen Personenkult (um Christoph Blocher) betreibe, wolle er ebenfalls nicht angehören. Wenn aber die Berner SVP dieser Partei weiterhin angehören wolle, «dann will ich nicht mehr dieser Berner SVP angehören. Also müssen wir eine neue Partei gründen.» Diese Sätze sagte er damals in einem Interview mit der «Berner Zeitung». «Meine Mutter war eine sehr starke Figur», sagt Gasche. Wenn sie ihm Geschichten erzählt habe, zum Beispiel aus dem Zweiten Weltkrieg, habe sie ihn damit eines gelehrt: «Wir müssen den Mut haben, rechtzeitig hinzuschauen und zu reagieren.» Vor der Parteispaltung habe er zunächst noch «Anpassungsstrategien» verfolgt. Als aber «der Graben überschritten war, war fertig. Da gab es nichts mehr zu diskutieren.» Am 21. Juni 2008 leitete Gasche die Gründungsversammlung der neuen Partei BDP.

Grund mit zwei Komponenten

Sein Rücktritt als Regierungsrat war für die junge Partei ein Risiko. Der Sitz in der Regierung war dadurch gefährdet. Aber auch bei diesem Entscheid gab es für Gasche kein Hin und Her. Er hatte mehrere Gründe, und auch diese hatte er klar sortiert. Ein Hauptgrund, der wiederum aus «zwei Komponenten» besteht und insgesamt «mehr als 50 Prozent ausmacht», hängt mit seiner «persönlichen Lebenssituation» zusammen, wie er es im Rückblick erklärt. Die eine Komponente: Nur wenn er jetzt, mit 55 Jahren aufhöre, könne er beruflich noch etwas Sinnvolles anpacken. Die andere Komponente betrifft «die Beanspruchungssituation» und die Folgen für die Familie. Es ist unschwer herauszuhören, dass Gasche in diesem Punkt etwas ändern will, ändern muss.

«Ich werde jetzt mehr Zeit haben, ein normales Familienleben zu pflegen», sagt er bestimmt – auch wenn ihm das noch nicht alle glaubten. Diese Zeit fehlte ihm. Wie letzten Sommer, als die Geschichte mit den hohen Überzeitentschädigungen ihm und seiner Familie die Ferien verdorben hatte. Seine Erkenntnis klingt wie ein Ratschlag an seine Nachfolgerin: «Als Regierungsrat muss man immer aufpassen, nicht derjenige zu sein, der das Sommertheater liefert.» Die langen Präsenzzeiten seien manchmal zermürbend. Auch wenn nicht jeder Anlass ausserhalb der üblichen Arbeitszeit drei Stunden lang Höchstleistungen erfordere, «so sind es doch drei Stunden, die ich nicht daheim bin», sagt Gasche.

Der zweite Hauptgrund für den Rücktritt, jener, der weniger ausmacht als 50 Prozent, hängt direkt mit dem Amt zusammen. «Man nützt sich ab», sagt Ga­sche. Als Finanzdirektor könne er vergleichsweise wenig selber entscheiden. Zudem sei die Arbeit sehr repetitiv. Er könnte jetzt schon in der Agenda des Jahres 2015 die Woche eintragen, in welcher der Bericht zur Lage der Kantons­finanzen studiert werden müsse.

«Knallharter Chlapf zum Grind»

Davon, dass es ihm im Regierungsrat nicht mehr gefallen hätte, sagt Gasche nichts. Immerhin war er als bürgerlicher Politiker in den letzten vier Jahren in der Minderheit. Und früh hatte sich abgezeichnet, dass sich daran auch in der nächsten Legislaturperiode nichts ändern würde. Dieser «knallharte Chlapf zum Grind» 2006, als die Bürgerlichen die Mehrheit verloren, machte Gasche zunächst zu schaffen, wie er sagt. Er fand sich aber rasch zurecht. Und das hing entscheidend mit den Personen zusammen, die neu in die Regierung gewählt wurden. Sie waren «sehr kollegial, sehr positiv, in keiner Art und Weise unvernünftig oder radikal». In der neuen Regierung sei spontaner diskutiert worden. Er habe den Eindruck, die «politische Führungsarbeit» habe sich dadurch verbessert.

Doch diese gute Zusammenarbeit, zu der Gasche, wie überall zu vernehmen ist, einen wesentlichen Teil beigetragen hat, lässt ihn nicht vergessen, wo er steht. Er sehe nicht nur Licht bei Rot-Grün, sagt er, «im Gegenteil». Der bürgerliche Regierungsrat sei in wichtigen Fragen gegen das eigene Lager angetreten, zum Beispiel bei der Steuerinitiative kurz vor dem Machtwechsel. «Diesen Mut hatten die Linken noch nie im Ansatz», sagt er. Bei der Frage des Primatwechsels bei den Pensionskassen etwa müsste der rot-grün dominierte Regierungsrat einen solchen Schritt längst tun, findet Gasche. Er sei überzeugt, dass viele linke Politiker die Notwendigkeit des Systemwechsels einsähen – «aber sie wagen nicht, es auch zu sagen». Genauso sei sicher vielen Linken klar, dass das Kernkraftwerk Mühleberg ersetzt werden müsse. Auch hier getrauen sie sich seiner Ansicht nach nicht, zu ihrer Meinung zu stehen.

«An uns ist nur der Name falsch»

Bleibt die Frage, was es heisst, wenn ein Mann mit Standpunkt die Partei wechselt. Gasche, der von sich sagt, er könne Dinge, die er selber begriffen habe, gut erklären, hat keine Mühe, eine Antwort zu geben. Er habe es stets so empfunden, dass die SVP eine Linie gefahren sei, die plötzlich nach rechts abzweigte. Die BDP aber sei «geradeaus gefahren». Für ihn ist es offensichtlich, dass die ehemalige Berner SVP, «jene Partei, die lange Zeit die Partei der Parteilosen war», in der BDP weiterlebt. «Eigentlich ist an uns nur der Name falsch.» Viele der politisch weniger aktiven Anhänger der SVP hätten sich vor allem aus einem Grund nicht von der Partei abgewandt: «Es ist einfacher, einem Namen treu zu bleiben als einer Linie.»

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