No-Go an der Ampel

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann fordert bei der Verkehrserziehung von Kindern neue Wege.

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Ich hoffe, die Berner Kantonspolizei liest hier nicht mit, denn ich habe ein Verbrechen zu gestehen: Ich laufe bei Rot über die Strasse – absolut wissentlich, wiederholungstäterisch und ohne Reue. Sie mögen jetzt gelangweilt sein, weil Sie sich vermutlich eine blutrünstigere Enthüllung erhofft hatten. Doch ich rate Ihnen, Ihre erwachte Sensationslust etwas zu zügeln und diese Lektüre nicht vorzeitig beiseite zu legen. Denn ich kann Ihnen versichern, dass folgende Abhandlung von grosser gesellschaftlicher Bedeutung ist.

Zeugt die Missachtung des Hoheitsgebiets eines Rotlichts von fahrlässigem Fehlverhalten? Die Antwort auf diese Frage muss auf die Gegebenheiten des Strassenverkehrs angepasst werden. Wer sich dem Lichtsignal an einem Verkehrsknotenpunkt zur Rushhour widersetzt, muss mit Konsequenzen rechnen. Doch ist den Befehlen einer einsamen Ampel auf einer kaum befahrenen Strasse Folge zu leisten? Da prallt das Strassenverkehrsgesetz auf die Frage der Zweckmässigkeit. Wenn auf einen Kilometer Entfernung kein Fahrzeug zu erkennen ist, ist die gefahrenlose Strassenüberquerung meines Erachtens durchaus machbar.

***

Nennen Sie mich Rowdy, doch ich passiere solche Strassenabschnitte oft in völliger Widerrechtlichkeit. Nun gibt es aber eine Ausnahme, die uns auf das eigentliche Thema dieser Kolumne bringt. Wenn Kinder am Strassenrand stehen, verstecke ich meinen Hang zum Gesetzesbruch hinter der Fassade des Vorzeigebürgers. Die Gesellschaft verlangt es so. Kinder sollen nicht erfahren, dass es unter Umständen nicht mit dem sicheren Tod enden muss, wenn eine Strasse bei Rot überquert wird. Auf den Sinn dieser Schutzmassnahme werden wir noch zu sprechen kommen.

Zuerst dies: Nichts treibt die Unerträglichkeit des Wartens dermassen auf die Spitze, wie neben einem Kind an einer roten Ampel einer zurzeit nicht befahrenen Strasse zu stehen. Es ist ein Umstand, der die Zeit zu einem schmierigen Schleim zersetzt, der das Uhrwerk des Universums zum Erlahmen bringt. Augenblicke haben Spielfilmlänge, Sekunden dehnen sich auf die Lebenserwartung von Riesenschildkröten aus, und während Rotphasen entstehen Galaxien.

***

Ich will mich nun nicht als letzte Instanz in Erziehungsfragen ausgeben, doch finde ich, Kinder sollten mit der Wahrheit konfrontiert werden. Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, Kinder, die bei Rot über die Strasse gehen, kommen weiter im Leben. Anstatt treudoof einem Signalapparat zu gehorchen, entwickeln sie geistige Flexibilität und lernen mögliche Gefahrenquellen ihrer Umgebung richtig einzuschätzen. Zudem kann es die Eltern-Kind-Beziehung für immer zerstören, wenn die Ampelfrage tabuisiert wird.

Ich würde mich jetzt nicht als Pädagogen bezeichnen, aber ich gehe davon aus, dass auch Kinder Gefühle haben. Diese dürften schwer in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn der Tag kommt, an dem sie merken, dass sie von ihren Eltern über Jahre hinweg angelogen wurden. Nun aber genug davon. Das nächste Mal erkläre ich Ihnen, in welchem Alter Ihr Kind mit dem Rauchen beginnen sollte.

Martin Erdmann ist «Bund»-Redaktor und hofft, durch diese Kolumne ins Autorenteam des Mamablogs aufgenommen zu werden.

www.derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 10.05.2017, 07:54 Uhr

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