Noch ist es eine Gerümpelkammer

Im Oktober öffnet das Medizinmuseum Bern seine Tore. Direktor Hubert Steinke will einen «Raum der kritischen Auseinandersetzung» schaffen.

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Noch sieht es nach einer grossräumigen Gerümpelkammer für seltsame Werkzeuge und Geräte aus. Bis im Oktober diesen Jahres wird sich das ändern: An der Murtenstrasse zwischen Inselspital und Güterbahnhof entsteht derzeit das Medizinmuseum Bern. Der genaue Eröffnungstermin ist noch nicht bekannt. Die Grundlage der Ausstellung bilden die museale Sammlung der Inselspital-Stiftung sowie die medizinhistorische Objektsammlung des Institutes für Medizingeschichte der Universität Bern (IMG).

Die beiden Sammlungen umfassen rund 10'000 Objekte, Teile davon werden in einer Dauer- und einer Wechselausstellung zu sehen sein. Mit einer Ausstellungsfläche von 400 Quadratmetern zählt das Medizinmuseum zu den kleineren Häusern in Bern. «Wir haben keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit», sagt Museumsleiter Hubert Steinke, der zugleich dem IMG als Direktor vorsteht (siehe Interview rechts). «Es geht darum, einen Raum zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema Medizin zu schaffen. Diesen gibt es bislang in der Schweiz nicht.»

Die «Gesundheitsgesellschaft»

Dabei werde der Bereich immer wichtiger. In der Forschung spricht man in diesem Zusammenhang heute von «Gesundheitsgesellschaft» oder «Medikalisierung». «Der Bereich der Medizin soll heute Probleme lösen, die früher als solche nicht erkannt wurden», sagt Steinke. Beispiele dafür ist etwa die Impotenz. Sie galt vor Viagra als Phänomen, das es in der Partnerschaft zu regeln galt. Unruhige, aufgeregte Kinder wurden akzeptiert oder bekamen einen «Chlapf». Heute stellt der Arzt die Diagnose ADHS und verschreibt Ritalin. Der Bereich wächst rasant, was sich allein schon an den stetig steigenden Ausgaben im Gesundheitswesen zeigt.

Das Museum wolle kein «Kuriositätenzirkus» sein, betont Steinke. Und trotzdem dürften ebenjene Kuriositäten zum Trumpf der Ausstellungen werden: Da steht etwa der erste Operationstisch, der in alle Positionen verstellbar ist und anfangs des 20. Jahrhunderts als grosse Errungenschaft galt. Heute eignete er sich bestenfalls als Requisite von Gruselfilmen. Oder die «Eiserne Lunge» (entwickelt um 1920): ein Zylinder, in dem Patienten mit Kinderlähmung bis zum Hals eingeschlossen wurden.

Die Maschine konnte einen Unter- und Überdruck erzeugen und so die Lungenfunktion simulieren. Ein Blickfang ist auch eine mit seltsamen Apparaten bestückte Badewanne mit dem klingenden Namen «Nierensteinzertrümmerer». Sie kam bis 2012 auch im Inselspital zum Einsatz. «Viele Geräte wirken für heutige Verhältnisse monströs», sagt Steinke. «Aber damals waren sie ein Segen: Wer damit behandelt wurde, konnte überleben.» Das Kernstück der Dauerausstellung ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern thematisch. Es sind Module zu Tätigkeiten wie Schneiden, Liegen, Sichtbarmachen, Messen, Forschen und Pflegen.

Auch Theodor Kocher kommt vor

«Medizingeschichte kann nicht nur anhand von Meilensteinen und herausragenden Persönlichkeiten erzählt werden», sagt Steinke. Trotzdem kommen Berner Berühmtheiten nicht zu kurz: Bei den Modulen Forschen und Schneiden geht es unter anderem um die medizinischen Errungenschaften von Maurice Müller oder Nobelpreisträger Theodor Kocher.

Einen besonderen Fokus wolle man auf den Bereich der Pflege legen, sagt Steinke. Diese werde allzu oft nur in Nebensätzen thematisiert, sei aber medizinhistorisch «immens wichtig». Zur Dauerausstellung gehören zudem die Geschichte des Inselspitals sowie ein Weitspannregal mit ausgewählten Objekten aus den beiden Sammlungen.

Die neue Ausstellung soll auch Fachleute anregen, ihr Tun zu reflektieren. So etwa beim Block zum Thema Messen: Hier liegen Instrumente, mit denen Ärzte seinerzeit Knochen und Schädelformen vermassen. Verschiedene Farbmuster dienten dazu, die genaue Haar- und Augenfarbe der Patienten zu dokumentieren – ein Trend aus den 1930er-Jahren, um angeblich die Rasse bestimmen zu können. «Mit Messen werden immer auch Differenzen hergestellt. Hier entscheidet sich auch, wer als krank und wer als gesund gilt», sagt Steinke. Und im Vergleich zu früher könne man sich fragen: «Schaut sich der Arzt heute seine Patienten überhaupt noch an – oder nur noch die Daten?» (Der Bund)

Erstellt: 04.04.2018, 06:49 Uhr

Insel zahlt, Uni stellt aus

Das Medizinmuseum Bern wird grösstenteils von der Inselspital-Stiftung finanziert, welche die Räumlichkeiten an der Murtenstrasse 42 in Bern zur Verfügung stellt. Weitere Gelder von Stiftungen werden aquiriert. Mitzahlerin ist auch die Universität Bern.

Die Leitung des Museums obliegt Hubert Steinke, Direktor des Instituts für Medizingeschichte der Uni Bern (IMG). Zwischen der Stiftung und dem IMG besteht ein Leistungsvertrag. Unklar ist bislang, was das Thema der ersten Wechselausstellung sein wird.

Auch die Billettpreise sind noch nicht festgelegt, dürften sich aber im moderaten Rahmen von acht bis zehn Franken bewegen. Auch Studentenrabatte sind vorgesehen. Weitere Infos werden auf der Website des Museums aufgeschaltet: medizinmuseumbern.ch.

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