Nicht jeder kann ein Velo leihen

Wer in der Stadt Bern künftig ein Velo ausleihen will, braucht eine Kreditkarte. Die haben nur zwei Drittel der Bevölkerung. Deshalb fordert der Konsumentenschutz Münzautomaten.

Hallo Velo? Hier in der Lorraine stehen bald Leihvelos.

Hallo Velo? Hier in der Lorraine stehen bald Leihvelos. Bild: Franziska Rothenbühler

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Die Arbeiten haben begonnen. Bald rollen die ersten Velos an. Derzeit lässt die Stadt Bern eine der einschneidendsten verkehrspolitischen Massnahmen der Bundesstadt umsetzen: die Errichtung eines gesamtstädtischen Veloverleihsystems. Im Auftrag der Stadt baut Publibike, eine Tochtergesellschaft von Postauto, in und um Bern zahlreiche Velostationen auf. Zu sehen sind bereits Tafeln, die die künftigen Standorte markieren, etwa vor dem Bahnhofplatz bei der Heiliggeistkirche, beim Waisenhausplatz, im Wankdorf oder in der Lorraine vor der Berufsschule. Das Verleihsystem wird bis in zwei Jahren 200 Standorte zählen, für 2400 Velos. Ab dem 28. Juni können die ersten Zweiräder ausgeliehen werden.

Notwendig dafür ist eine Kreditkarte. Ein anderes Zahlungsmittel ist nicht möglich (siehe Text unten). Obschon die Stadt mit dem Verleihsystem letztlich den Veloverkehr steigern möchte, nämlich bis 2030 von heute rund 15 auf 20 Prozent, werden faktisch also viele potenzielle Nutzer vom leihbaren Velo ausgeschlossen. Denn schweizweit besitzen rund 35 Prozent der Bevölkerung keine Kreditkarte.

Die linke Jungpartei JA hat kein Verständnis dafür. «Ein solch flächendeckendes und grosses Veloverleihsystem muss den Anspruch haben, für möglichst alle Personen zugänglich und erschwinglich zu sein», sagt die Stadtparlamentarierin Eva Krattiger (JA). Das Verleihsystem habe einen hohen Anteil an E-Bikes, die gerade auch für ältere Personen interessant seien.

Gemäss Statistik besitzen in der Schweiz rund 60 Prozent der über 65-Jährigen keine Kreditkarte. Das liege daran, dass sie kaum mit den neueren Technologien vertraut seien, vermutet Krattiger. Bei den 50- bis 64-Jährigen sind es fast 35 Prozent. Etwas anders sieht es bei den Jungen aus. Gemäss den Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) von 2015 besitzen rund 80 Prozent der 18- bis 24-Jährigen bereits eine Kreditkarte. In der Altersklasse der 25- bis 49-Jährigen sind es etwa 75 Prozent. Gleichwohl ist für die JA-Stadträtin klar: «Das Abrechnungssystem benachteiligt vor allem junge Menschen ohne Kreditkarte.»

Stadt braucht noch Zeit

Seit Jahren plant die Stadt Bern ihre Velooffensive und das dazugehörige Veloverleihsystem. Für letzteres allein zahlt sie rund zwei Millionen Franken. Und nun klappt das Bezahlsystem zu Beginn nur mit Kreditkarte? Stadt und Publibike ist das Problem bewusst – beide betonen, wie wichtig es ihnen sei, dass alle Menschen Velos ausleihen könnten, und wie «bedauerlich» der Mangel sei.

Es werden aber insbesondere zeitliche Gründe für den Mangel angegeben. Publibike habe seit November 2017 nur wenig Zeit gehabt, das Projekt umzusetzen, sagt Stefan Schwarz, Generalsekretär der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün von SP-Gemeinderätin Ursula Wyss. Zudem handle es sich um einen «rollenden Start». Es liege «in der Natur der Sache», dass nicht von Beginn weg alle Punkte umgesetzt seien. Ziel sei, dass das Veloverleihsystem für alle zur Verfügung stehe: So sollen später auch Debitkarten verwendet werden können. Gemeinsam mit Publibike werde nach einer raschen Lösung gesucht, wie dies vertraglich zwischen den Partnern auch vereinbart worden sei.

Doch so schnell liegt diese Lösung wohl nicht vor. Publibike kann auf Anfrage keinen definitiven Einführungstermin nennen. «Der Standard in modernen Veloverleihsystemen ist gegenwärtig die Kreditkarte», sagt Publibike-Sprecher Urs Bloch. Zahlterminals seien heute, da der Platz in den Städten begrenzt sei und flexiblere Systeme gefragt seien, kein Thema mehr. Publibike arbeite aber an Alternativen.

Daten werden kostbarer

Aufseiten der Konsumentenschützer hat man für das Vorgehen wenig Verständnis. Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz sagt: «Kreditkarten sind weniger verbreitet und immer teurer als Debitkarten.» Sie würde es begrüssen, wenn sich die Räder auch analog mieten liessen, zum Beispiel mit Münzautomaten, die man füttern kann, wenn man einen bestimmten Code eingegeben hat.

Stalder verweist auch auf die zunehmende Sensibilität gegenüber dem Datenschutz. «Immer mehr Konsumenten gehen mit ihren Daten sparsam um.» Nur auf ein elektronisches System zu setzen, widerspreche diesem Trend. Datensparsame Konsumenten wollten sich weder mit einer App registrieren noch bargeldlos bezahlen.

Und Sébastien Mercier von der Schuldenberatung Schweiz sagt: Wer in Bern ein Velo leihen wolle, brauche einen Kreditkartenvertrag. Doch mit einer Kreditkarte könnten die Probleme beginnen. Viele Menschen, gerade junge, hätten Schwierigkeiten, die Kreditkarte zu verwalten. «Sie vergessen, was sie alles gekauft haben, und können am Schluss die Rechnung nicht bezahlen», sagt er. Durch die hohen Zinsen entstünden zusätzliche Schulden.

Die Velolobby in Bern siehts weniger dramatisch. Zwar findet es auch Pro Velo Bern «bedauerlich», dass das Veloverleihsystem mit diesem Mangel startet: Die Ausleihe müsse für alle zugänglich sein, sagt SP-Politiker und Pro-Velo-Präsident Michael Sutter. «Aber wir wollen keine weitere Verzögerung.» Daher sei es für ihn richtig, wenn die Stadt nun loslege und die Zahlungsmöglichkeiten später erweitere.

Zur diesem Artikel wurde eine falsche Push-Meldung verschickt. 65 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben eine Kreditkarte. (Der Bund)

Erstellt: 09.06.2018, 08:05 Uhr

Velohelm: Nicht inklusive

Wer in Zukunft mit Velos des Berner Veloverleihs auf Nummer sicher fahren will, muss sich seinen Velohelm selbst organisieren. Denn Helme sind bei den Ausleihstationen nicht verfügbar. «In der Schweiz gibt es keine Helmtragepflicht für Velofahrer», sagt Mediensprecher Urs Bloch vom
Verleihanbieter Publibike. Auch für E-Bikes, welche mit einer Maximalgeschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde unterwegs sind, besteht keine Helmtragepflicht.

«Die Velos sind ausserdem explizit für Kurzdistanzen in der Stadt konzipiert worden und sind einfach zu fahren», sagt Bloch. Die Möglichkeit, Helme auszuleihen, gebe es daher nicht. (kls)

So funktionierts Via App

Das Berner Veloverleihsystem benötigt eine App, die jeder Nutzer auf sein Smartphone herunterladen muss. Auf der App ist jederzeit ersichtlich, wo sich die nächstgelegene Station befindet. Es kann festgestellt werden, welche Velos verfügbar sind und wo es allenfalls keine gibt.

Angesprochen werden alle Bürgerinnen und Bürger sowie Touristinnen und Touristen. Das Mindestalter, um teilzunehmen, beträgt 18 Jahre. Jugendliche ab 16 Jahren können das System mit Einverständnis der Eltern nutzen. Um sich zu registrieren, muss man seinen Vor- und Nachnamen, eine Mailadresse – und eben eine Kreditkartennummer angeben.

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