«Nicht alle wollen auf den Vorplatz»

Jugendliche würden immer mehr aus dem öffentlichen Raum verdrängt, sagt Stephan Wyder, vom Trägerverein für offene Jugendarbeit der Stadt Bern.

Jugendliche mögen Räume, wo ihre eigenen Regeln gelten.

Jugendliche mögen Räume, wo ihre eigenen Regeln gelten.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Christian Zellweger@@chzellweger

Herr Wyder, in Ihrem Beitrag im «Stadtgespräch» schreiben Sie, Sie seien besorgt «von der Tendenz, Jugendliche aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen».Wo stellen Sie das fest? Es ist nicht unbedingt ein aktives Verdrängen. Aber überall, wo sich Jugendliche im öffentlichen Raum treffen, werden sie kritisch beäugt oder gar kontrolliert: von Passanten, der Polizei, von Pinto, aber auch von der Jugendarbeit. Die Erwachsenen fordern von den Jugendlichen ein «unbedingtes Wohlverhalten» im öffentlichen Raum. Dadurch fühlen sich Jugendliche unerwünscht.

Es gibt aber schon auch Jugendliche, die sich problematisch verhalten. Klar. Aber wenn Probleme auftauchen, werden diese Einzelsituationen oftmals überzeichnet dargestellt, auch in den Medien. Man spricht hauptsächlich von Lärm und Littering. Erwachsene haben automatisch das Gefühl: Wo es Jugendliche gibt, gibt es Probleme. Dies sieht man an den Einsprachen gegen die Tankere exemplarisch. Es ist aber eine Erfahrung, die wir auch an anderen Orten gemacht haben. Das Problem ist: Die Jugend hat keine Lobby, die Interessen der Erwachsenen werden oft ernster genommen.

Hat sich diese Problematik verstärkt? In den letzten paar Jahren ist die Stadt dichter geworden, das Umfeld hat sich sicher verändert. Die Ansprüche der Erwachsenenwelt nach Ruhe und Ordnung und die Ansprüche der Jugendlichen sind auseinandergedriftet. Zudem werden heute viel schneller die Behörden eingeschaltet. Früher gab es mehr direktes Aushandeln. Man wagte sich zu sagen: Es kann doch nicht sein, dass ihr hier abends um zwölf immer noch den Ghettoblaster voll aufgedreht habt!

Wo liegt die Lösung? Es braucht Respekt und Toleranz gegenüber den Bedürfnissen der Jugendlichen, Erwachsene müssen mit ihnen auf Augenhöhe diskutieren. Die Erfahrungen der Jugendbewegungen von 1968 oder in den 80er-Jahren waren wichtig für diese Generationen. Es muss auch für die heutigen Jugendlichen möglich sein, sich Orte anzueignen und gesellschaftliche Normen zu hinterfragen.

Müssten nicht auch die Jugendlichen etwas tun, um die Situation zu entschärfen? Sie können versuchen, kreativ mit öffentlichen Plätzen umzugehen. Dies gelang etwa auf dem Falkenplatz, als Jugendliche selbst Möbel aus Holzpaletten bauten und sich so den Platz aneigneten. Hier standen die kreativen Aktionen im Vordergrund und nicht die Probleme, welche die Jugendlichen angeblich mit sich bringen.

Sich Räume anzueignen, sei wichtig für die Jugendlichen, sagen Sie. Warum ist das so? Es geht für die Jugendlichen einerseits darum, mit Gleichaltrigen etwas zu erleben, etwas auszuprobieren und zu merken, dass man etwas bewirken kann. Sie lernen Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen, gegenüber der eigenen Gruppe, aber auch gegen aussen. Wichtig ist es für sie auch, im Austausch mit der Erwachsenen-Generation zu stehen. Nur so lernen Jugendliche, wie man sich darin bewegt.

Sie schreiben auch: «Jugendliche sind keine homogene Gruppe.» Welche unterschiedlichen Bedürfnisse stellen Sie fest? Ein Teil der Jugendlichen ist politisiert und versucht – zum Beispiel in der Reitschule –, neue Gesellschaftsmodelle zu erforschen. Andere sind vor allem kreativ, sprayen, tanzen oder machen Musik. Sie suchen Räume, in denen zumindest teilweise ihre Regeln gelten, Bandräume oder Ateliers zum Beispiel. Wiederum andere haben vor allem das Bedürfnis, den öffentlichen Raum quasi als Wohnzimmer zu nutzen. Sie wachsen in kleinen Wohnungen auf, haben wenig Platz und Möglichkeiten zu Hause, aber auch nicht die Mittel, eigene Räume zu mieten. Das sind auch häufig die Jugendlichen, die zu uns in die Jugendtreffs kommen. Und: Es wollen längst nicht alle auf den Vorplatz der Reitschule.

Sondern? Gerade die Jüngeren zwischen vierzehn und siebzehn sind nicht so mobil, wie man denken könnte. Häufig bleiben sie lieber im eigenen Quartier, treffen sich in ihrem näheren Umfeld mit Freunden.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Stadt Bern in der Freiraumdiskussion? Es hat sich sehr viel getan in den letzten Jahren. In der Verwaltung gibt es mittlerweile ein grosses Bewusstsein dafür, wie wichtig Freiräume für Jugendliche sind. Die Stadt hat ja auch viel in das Projekt Tankere investiert und auch die Zwischennutzung mit Ateliers im Calvin-Haus im Kirchenfeld ermöglicht. Diese Entwicklung stimmt mich positiv.

Dennoch haben Sie auch Forderungen an die Stadt. Es müsste sicher einfacher werden, eine Bewilligung für Zwischennutzungen zu erhalten. Eine langes Bewilligungsverfahren widerspricht dem Projektcharakter; viele Jugendliche haben auch nicht das nötige Wissen für solche Gesuche. Hier hat aber die Stadt nicht alle Fäden in der Hand, auch der Kanton wäre gefragt.

Wo sind die Freiräume in der Stadt Bern? Wie können diese geschaffen werden? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch»: stadtgespraech.derbund.ch.

Der Bund

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