Neulich übers Land

«Poller»-Kolumnist Peter Schibler ist schon in Zeiten herumgeradelt, als die Mobiltelefone Antennen hatten und es in Kiesen noch eine Käserei gab.

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Es ist noch gar nicht allzu lange her, liebe Kinder, genauer gesagt am 21. September 1998, da traf euer heutiger Kolumnenonkel frühmorgens in Kiesen ein und kaufte dort in der Käserei, die es damals noch gab, Kraftriegel und Orangensaft. Vor der Käserei plätscherte ein Brunnen.

Das erste Mal verfranzt hat er sich, also habe ich mich, dann mitten in der Stadt Thun, weil die Blumenbandeli der Stadtgärtnerei fast dieselbe Farbe hatten wie die Velowegweiser. Und, ah ja, ich hatte ein Handy dabei (Netzabdeckung in den Alpen damals schätzungsweise zehn Prozent), ein Handy, liebe Kinder, mein erstes überhaupt, ein Nokia von der Grösse eines Ankenmödeli (200 Gramm) und mit einer total neumodischen Antenne, die man nicht mehr auszuziehen brauchte oder, je nach Charakter: nicht mehr ausziehen konnte vor uns anderen Leuten, die wir dann unsererseits den Kopf einzogen, was solche Teleskop-Antennen-Besitzer wiederum als Respektbezeugung interpretierten und nicht etwa als Signal, wie peinlich unsereinem anderen ihrergattig Mitmenschen sind, aber wir schweifen ab.

Später in Innertkirchen lernte ich vor dem Bancomaten Max aus Bayern kennen, der an jenem Morgen bereits den Brünig gemacht hatte. Wir halfen dann noch einem fremdsprachigen Radler weiter, der uns hartnäckig mit «Arschloch! Arschloch!» bedrängte, und wiesen ihm mit vereinten Gesten den richtigen Weg zur «Aareschlucht? Aareschlucht!», und nachher wünschten wir uns alle gegenseitig gute Fahrt. Ich traf Max dann übrigens am folgenden Tag vor einer Apotheke in Andermatt wieder, da war Herr Sawiris noch weit weg, und ausser­dem ist Andermatt schon Kanton Uri und deshalb jenseits dieser Kolumne.

Im Haslital hat der moderne Mensch seit den 1960er Jahren Tunnel in die lästigen Berge Gottes gebohrt, deretwegen er, der moderne Mensch, nicht mehr schnell genug mit dem Auto durch seine, Gottes, Schöpfungbrausen konnte. Mit deinem Velo stehst du heute noch, 2015, buchstäblich davor wie der Esel am Berg und suchst die alte Grimselstrasse oder wenigstens einen Wanderweg um diese Töff- und Autolöcher herum, selbst wenn du dafür dein Velo mitsamt Gepäck schultern müsstest. Bei einem dieser Tunnel wirst du freilich (vermutlich immer noch) scheitern: Hier musst du durch!

Und wenn der Velöli dann mit seiner ganzen Verletzlichkeit mitten drin ist im (immer noch?) schummrig beleuchteten Tunnel mit leichter Steigung, und schon denkt, gleich habe ers geschafft, hört er von hinten einen motorisierten Zeitgenossen mit 100 oder wie Sachen heranbrausen, während einem (und ihm) gleichzeitig ein anderer Motorisierter mit Volllicht entgegenbraust und beide blendet. «Wie hast dus mit der Religion?», hört man dann im Hinterkopf Gretchen fragen, aber man hat jetzt grad keine Zeit dafür und ist auch nicht mehr so überzeugt von seiner Antwort, die vor dem Tunnel eventuell anders gelautet hätte, als wenn man heil wieder daraus herauskommt.

Im Übrigen ist der Grimselpass zwar anstrengender als der Furkapass, aber benutzerfreundlicher: Von Gletsch aus sieht man nämlich praktisch während der ganzen Fahrt die volle Furka-Strecke bis zuoberst. Der Grimselpass hingegen bietet Etappen an, wo sich die nächste Steigung jeweils hinter der jetzigen verbirgt, und darüber könnten wir nun lange lebensphilosophieren, liebe Kinder, aber während ich dies hier absondere, ist es für settigs grad z grüseli düppig.

Peter Schibler ist Senior Columnist in Bern und fährt noch jeden Tag ohne Motor Velo. An Hitzetagen nur morgens.

Der Bund

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