Neue Dynamik mit dem Neubau

Regierungsrat Bernhard Pulver hat erreicht, dass sich für die Platzprobleme des Kunstmuseums Bern eine vielversprechende Lösung abzeichnet.

Das Neubauprojekt ist auch im Zusammenhang mit den Plänen der Stadt Bern für eine städtebauliche Aufwertung der Hodlerstrasse von Bedeutung.

Das Neubauprojekt ist auch im Zusammenhang mit den Plänen der Stadt Bern für eine städtebauliche Aufwertung der Hodlerstrasse von Bedeutung. Bild: Adrian Moser

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Als Jürg Bucher vor gut einem Jahr das Projekt einer Erweiterung der Ausstellungsfläche für Gegenwartskunst im Kunstmuseum präsentierte, kam er auch ein wenig ins Träumen. Am liebsten wäre ihm ein «grosser architektonischer Wurf», sagte der Präsident der Dachstiftung von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee. Aber die Realität sah zu diesem Zeitpunkt ziemlich anders aus, diverse Erweiterungsprojekte scheiterten in den vergangenen Jahren, und der Stiftungsrat übte sich notgedrungen in Bescheidenheit und Realismus. Aufgrund von Protesten aus der Berner Architektenszene, die eine fehlende öffentliche Ausschreibung kritisiert hatte, wurde auch diese Inhouse-Lösung sistiert. Man beschränkte sich stattdessen auf die Sanierung der Klimaanlage.

Jetzt ist alles anders: Ganz neue Perspektiven zeichnen sich ab. Als Ergebnis einer Machbarkeitsstudie steht jetzt ein Neubau anstelle des 1983 eröffneten Atelier-5-Anbaus zur Debatte – und auch der Einbezug des angrenzenden Verwaltungsgebäudes der Polizeikaserne ist ein Thema. Diese Entwicklung wäre ohne Hansjörg Wyss nicht möglich. Im vergangenen Herbst hatte der Milliardär und Mäzen überraschend 20 Millionen Franken für einen Erweiterungsbau angeboten, falls das 2006 von der Denkmalpflege zu Fall gebrachte Projekt «an_gebaut» – ein Betonkubus auf der Rückseite des Museums am Aarehang – aus der Schublade geholt würde. «Diese Chance wollten wir uns nicht entgehen lassen», sagt Bucher.

«Erstmals gelang es, alle Interessengruppen an einen Tisch zu bringen.» Das Angebot von Wyss führte dazu, dass sich Stadt, Kanton und die Dachstiftung unter der Federführung von Regierungspräsident Bernhard Pulver zu Gesprächen trafen. Hansjörg Wyss nahm auch an Workshops teil und rückte schliesslich von seiner Bedingung ab. Wyss selber wollte sich auf Anfrage nicht weiter äussern, betonte aber, dass er der sich abzeichnenden Entwicklung positiv gegenüberstehe.

«Ein Riesenfortschritt»

«Mir war wichtig, eine breite Abstützung zu haben», sagt Bernhard Pulver. Und so holte er alle ins Boot, von der Denkmalpflege über die Architektenverbände bis zu Stadtpräsident Alec von Graffenried. In der vom Kanton finanzierten Machbarkeitsstudie wurden verschiedene Varianten geprüft und auch die mögliche Nutzung frei werdenden Raums auf dem Gelände der Polizeikaserne Waisenhausplatz in die Überlegungen einbezogen. Die Polizei Waisenhausplatz wird voraussichtlich 2025 zumindest teilweise in eine neue Polizeikaserne in Niederwangen umziehen. Die Machbarkeitsstudie hat ergeben, dass eine Sanierung des Erweiterungsbaus sehr aufwendig wäre, und ein Neubau am gleichen Ort die künstlerisch, betrieblich und städtebaulich bessere Alternative darstellen würde.

Während der Neubau ausschliesslich Ausstellungsfläche beherbergen würde – geschätzt werden rund 1000 Quadratmeter zusätzlich –, kämen Büros, Ateliers und Schulungsräume in den Flügelbau der Polizeikaserne.

Für Bernhard Pulver kamen zwei Elemente zusammen: das Angebot von Wyss und die dringende Sanierungsfrage. Der Atelier-5-Bau sei «hochgradig sanierungsbedürftig», und der Kanton hätte so oder so viel Geld – rund 40 Millionen Franken – in die Hand nehmen müssen, um das Gebäude zu sanieren. Der 1879 eröffnete sogenannte Stettlerbau wäre von diesem Neubau-Projekt nicht betroffen, er ist «denkmalgeschützt» im Unterschied zum Atelier-5-Bau, der als «erhaltenswert» eingestuft wird. Im Dialog mit der Denkmalpflege sei es zu einer neuen Beurteilung gekommen, sagt Jürg Bucher: «Der Zusatztrakt kann nun einem Neubau weichen, wenn der Ersatz adäquat ist. Das ist ein Riesenfortschritt.» Die Stadtmauer an der Kante des Aarehangs ist im revidierten Bauinventar der Stadt Bern indes als schützenswert klassifiziert und muss daher in ein künftiges Projekt integriert werden.

Zu den möglichen Kosten will sich Pulver zum jetzigen Zeitpunkt nicht konkret äussern. Klar ist aber, dass die 40 Millionen Franken, die für die Sanierung nötig wären, und die 20 Millionen Franken von Hansjörg Wyss zusammen nicht ausreichen werden. Realistisch sei wohl ein hoher zweistelliger Millionenbetrag, sagt Bernhard Pulver.

Wettbewerb noch dieses Jahr

Das Neubauprojekt ist auch im Zusammenhang mit den Plänen der Stadt Bern für eine städtebauliche Aufwertung der Hodlerstrasse von Bedeutung. Der Aussenraum nehme in den Überlegungen einen wichtigen Platz ein, bestätigt Jürg Bucher. «Die Hodlerstrasse mit Progr und dem Kunstmuseum soll auch eine Kulturmeile werden mit Cafés und Begegnungszonen.» Die Stadt Bern hat Bereitschaft signalisiert, mittelfristig eine Verlegung der Ausfahrt des Metroparkings in der Holderstrasse in Betracht zu ziehen.

Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie bilden die Basis eines öffentlichen Architekturwettbewerbs für einen Neubau. «Ich hoffe, dass wir den Wettbewerb noch in diesem Jahr lancieren können», sagt Bucher. Für den Ende des Monats abtretenden kantonalen Kulturminister Bernhard Pulver muss die Ausschreibung für den Neubau so attraktiv sein, dass sich auch «Stararchitekten» angesprochen fühlen. «Andererseits sollen auch Berner Architekten zu den Adressaten gehören. Vielleicht kann sich ja ein heute noch wenig bekanntes Architekturbüro mit einem tollen Projekt profilieren.» Wenn alle Beteiligten an einem Strick zögen, dann könnte das Neubauprojekt in fünf bis sechs Jahren realisiert werden, ist Jürg Bucher überzeugt. Die Verwirklichung des Traums, sie scheint nahe. (Der Bund)

Erstellt: 17.05.2018, 20:32 Uhr

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