Nach einem Nein droht Ratlosigkeit

Als das Tram Bern-West 2004 scheiterte, legten die Behörden rasch ein neues Projekt vor. Nach einem Nein zum 10er-Tram gelänge dies kaum – die Vorstellungen von Behörden und Gegnern liegen zu weit auseinander.

Nach einem Nein zum 10er-Tram können die Behörden kaum schnell ein neues Projekt vorlegen.

Nach einem Nein zum 10er-Tram können die Behörden kaum schnell ein neues Projekt vorlegen.

(Bild: Adrian Moser)

Simon Thönen@SimonThoenen

Ein erstes Projekt für zwei Tramlinien nach Bümpliz und Bethlehem scheiterte 2004 in der damals noch kantonalen Volksabstimmung. Doch sehr rasch legten die Behörden ein neues Projekt vor. Bereits 2007 wurde dieses vom Volk angenommen. Möglich gemacht hatte den erfolgreichen zweiten Anlauf eine begrenzte Änderung der Linienführung: Die umstrittene Schlaufe über das Weyermannshaus wurde gestrichen und stattdessen eine Route durch das dicht bewohnte Stöckackerquartier geplant, wo das Passagieraufkommen hoch ist. Die neue Linienführung nahm die Kritik eines Teils der Gegner auf – und ermöglichte ihnen so eine Zustimmung.

Kompromiss «nicht absehbar»

Könnte sich dies beim Tram Region Bern wiederholen, falls das Projekt am 28. September an der Urne scheitern sollte? Darauf setzt die Stadtberner FDP, die wiederholt eine «Ehrenrunde» für das Projekt forderte. Der Präsident des Unterstützungskomitees Tram Region Bern und ehemalige Gemeindepräsident von Muri, Hans-Rudolf Saxer (ebenfalls FDP), winkt ab. «Man sollte sich vor der Illusion hüten, dass nach einem Nein 
irgendjemand eine bessere Version B aus dem Hut zaubert.» Das 10er-Tram sei schon deswegen nicht mit dem Tram Bern-West vergleichbar, weil diesmal drei Gemeinden am Projekt beteiligt seien. Vor allem aber: «Die Kritik und die Wünsche der Gegner sind diesmal so breit gefächert, uneinheitlich und auch widersprüchlich, dass eine Kompromiss­lösung nicht absehbar ist.»

«So nicht» – aber wie dann?

Auf ihren Internetseiten bleiben die Gegner vage. «Unsere Alternative zum Projekt Tram Region Bern ist aufgeschaltet», steht bei der IG Verkehr Ostermundigen. Doch die entsprechende Internetseite ist erst «im Aufbau begriffen». Bei der IG Verkehr Köniz wird knapp auf Doppelgelenkbusse als bessere Lösung verwiesen, ohne dass klar wird, ob dies Trolleybusse mit Fahrleitungen wären. Auf der Seite des Komitees gegen die Tramvorlage ist als «Plan B» ein Entlastungsbus via Breitenrain und Lorraine aufgeführt. Im Argumentarium der Dachorganisation der Gegner, der «Inte­ressengemeinschaft Tram Region Bern – so nicht!», steht: «Eine machbare – und zudem viel kostengünstigere! – Alter­native ist vorhanden und den Befürwortern bestens bekannt.» Welche das wäre, steht nicht. Verstreut auf den Internetseiten, finden sich Verweise auf Alter­nativen unterschiedlichster Art.

Gibt es auch einen gemeinsamen Gegen­vorschlag der «Interessengemeinschaft Tram Region Bern – so nicht!»? Vorstandsmitglied Hans-Martin Bürki-Spycher verneint dies auf Anfrage. Die Interessengemeinschaft sei eine Dach­organisation von drei Komitees aus drei Gemeinden. «Wir haben unterschiedliche Vorstellungen, ich kann nicht für alle antworten. Es liegt auch nicht an uns, Alternativen aufzuzeigen, dafür gibt es gut bezahlte Planer.»

Planer prüften viele Varianten

Diese Planer waren in den letzten Jahren durchaus intensiv an der Arbeit. Allein für die sogenannte Zweckmässigkeits­beurteilung (ZMB) für den Ast nach Oster­mundigen untersuchten sie nicht weniger als 23 Varianten. Einige davon wurden zumindest zeitweise von den Gegnern aufgegriffen und als Alternative propagiert. Grundsätzlich lassen sich diese in zwei Stränge aufteilen: Bus statt Tram oder andere Tramroute.

Doppelgelenk-Trolleybusse

Sie könnten in einem ersten Schritt mehr Kapazität bringen – 14 Prozent gemäss Berechnungen des «Bund». Doch danach sind sie am Ende ihrer Leistungs­fähigkeit. Moderne Trams hingegen könnten im 5-Minuten-Takt 40 Prozent mehr Personen transportieren. In der ZMB verwarfen die Planer solche Grossbusse, weil sie nur vorübergehend eine Verbesserung brächten. In seinem Gutachten von 2011 sah ETH-Professor ­Ulrich Weidmann solche Busse für den Linienast nach Köniz – aber nicht für ­jenen nach Ostermundigen – als «denkbare Übergangslösung». Für eine Zwischenphase also, bis später doch eine Tramlinie gebaut wird

Andere Tramrouten

Das 10er-Tram bis Guisanplatz auf den Schienen der heutigen 9er-Tramlinie führen – diese Alternative stand für die Gegner in Bern eine Zeit lang im Vordergrund, inzwischen wird sie kaum noch erwähnt. Die Planer hatten sie schon 2008 als ungeeignet verworfen: Sie wäre zwar billiger im Bau. Zwischen Schosshalde-Friedhof und Viktoriaplatz wäre aber weiterhin ein Bus nötig, was im Betrieb teuer ist. Die Variante führe, so die Planer, «zu Umwegen und vermehrten Umsteigern».

Eine viel grosszügigere Umfahrungsvariante fürs Tram brachte im Abstimmungskampf der ehemalige Denkmalpfleger Jürg Schweizer ins Spiel: vom Bahnhof Ostermundigen über das Wankdorf und den Nordring zum Berner Hauptbahnhof. Für Schweizer wäre dies die Lösung der Zukunft, für den ehemaligen Ostermundiger Gemeindepräsidenten Christian Zahler dagegen sogar eine Verschlechterung der heutigen Situation.

Was also müsste nach einem Nein zum 10er-Tram getan werden? «Die Behör­den und Planer müssten über die Bücher», sagt Gegner Bürki-Spycher. «Wir sind in diesem Fall gerne bereit, ­unsere Lösungsideen und Sorgen in die Neuplanung einzubringen.» Eine Möglichkeit wäre für ihn ein runder Tisch. Bürki-Spycher glaubt nicht, dass eine solche Neuorientierung viel Zeit benötigen müsste. «Vielleicht würden die Planer jene ihrer Alternativen zur Hand nehmen, die sie voreilig verworfen haben.»

Befürworter Saxer widerspricht. «Die Abklärungen müssten von Grund auf neu gestartet werden. Dies würde sehr lange dauern, und es ist mehr als zweifelhaft, ob man eine bessere Lösung fände.» In der Zwischenzeit würden sich die heutigen Probleme auf der überlasteten Buslinie 10 weiter verschärfen, warnt er. «In den Bussen würde es noch enger, die Staus nähmen zu. Darunter würden nicht nur die ÖV-Passagiere, sondern auch Auto- und Velofahrer leiden. Und natürlich die Umwelt.»

Der Bund

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