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Nach 40 Jahren ist Schluss

Seit 1970 schliesst Jaime Romagosa jeden Morgen sein Antiquariat am Hirschengraben auf. Jetzt ist er 87. «Einmal muss Schluss sein», sagt er – im Januar sperrt er die Türe zum Iberia endgültig zu.

Jaime Romagosa hat viele Gründe, sein Geschäft aufzuguben, doch er hat nie rote Zahlen geschrieben. (Valérie Chételat)
Jaime Romagosa hat viele Gründe, sein Geschäft aufzuguben, doch er hat nie rote Zahlen geschrieben. (Valérie Chételat)

Der Schnee fällt schon seit Stunden. Es ist der Morgen des 24. Dezember am Hirschengraben – Knäuel aus schweren Schuhen, Mänteln und Mützen plumpsen aus den Trams und kullern in Richtung Bahnhof oder Monbijou. Auf der einen Seite schlenkern Einkaufstüten, auf der anderen flattern Einkaufslisten.

Es ist kein guter Tag für das Geschäft von Jaime Romagosa. Was er führt, kommt nie auf eine dieser Listen. Historische Ausgaben südeuropäischer Autoren, rare Stiche, antike Darstellungen spanischer Städte – die besorgt sich niemand noch rasch auf dem Heimweg. Man sucht sie auf der ganzen Welt, manchmal über Jahre und wählt den Zeitpunkt des Erwerbs ganz gezielt. Der zierliche Mann am Hirschengraben 6 weiss das. Er hat schon viele Heiligabende gesehen. In Gedanken versunken steht er im Raum. Mit seinem zu weit geschnittenen Anzug und den ausgebeulten Schuhen ähnelt er Clown Pierrot. Ab und an hebt er ein Buch von einem Stapel und streicht mit seinem Daumen über dessen Einband. Dann lächelt Jaime Romagosa. Die Augenbrauen zucken, seine Zähne sehen aus wie kleine Kieselsteine.

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