Muslime wollen «die friedliche und tolerante Lehre des Islam illustrieren»

Mit einer Plakataktion will die islamische Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat in Bern ein Zeichen setzen für Frieden und Toleranz. Dabei geht es auch um Missionierung.

Die Plakate hängen seit dieser Woche in Bern an zentralen Standorten wie dem Bahnhofplatz.

Die Plakate hängen seit dieser Woche in Bern an zentralen Standorten wie dem Bahnhofplatz. Bild: db

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Plakate mit religiösen Inhalten ist man sich gewohnt. Die Agentur C aus Lyss hängt seit Jahrzehnten blaue Plakate auf mit Sprüchen aus der Bibel wie beispielsweise diesem: «Nur wenn Jesus Christus euch frei macht, seid ihr wirklich frei.»

Nun aber ziehen die Muslime nach. Seit dieser Woche hängen in Bern Plakate mit Koranversen. Auf dem Bahnhofplatz und beim Bärengraben sind sie zu sehen. Die Verse klingen liberal: «Es soll kein Zwang sein im Glauben», lautet einer.

Gegen Missverständnisse ankämpfen

Hinter der Aktion steht die Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat mit ihrem Imam Abdul Wahab Tayyab. Er ist zuständig für die Region Bern und Solothurn. In Bern ist er kein Unbekannter. Bereits Ende 2015 trat er in Erscheinung mit einem Vortrag im Quartierzentrum Wylerhuus. Schon damals ging es ihm darum, «gegen Missverständnisse anzukämpfen». Regelmässig meldet er sich mit Pressemitteilungen zu Wort. So hat er etwa die islamistischen Anschläge in Paris scharf verurteilt.

Das Motto der Gemeinschaft lautet: «Liebe für alle, Hass für keinen.» Die Plakataktion, die bis am 20. Mai dauert, hat mehrere Ziele, wie einer Pressemitteilung von Mittwoch zu entnehmen ist:

  • Diffuse Ängste und Vorurteile, welche die Integration verhindern, sollen abgebaut werden.
  • Der Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft soll begegnet werden.
  • Die Behauptung, der Islam sei rückständig und demokratiefeindlich, soll widerlegt werden.
  • Es soll gezeigt werden, «dass der Heilige Prophet Muhammad der Beschützer der Frauen war».

Missionarische Absichten

Insgesamt will die Gemeinschaft «auf die wahre, friedliche Lehre des Islam aufmerksam machen» und «ein Zeichen für Frieden und Toleranz» setzen, steht in der Pressemitteilung. Lanciert worden sei die Plakatkampagne, um die bestehenden Ressentiments und Besorgnisse gegenüber dem Islam «bei den nicht muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern abzubauen und gegenseitige Akzeptanz hervorzurufen». Die Gemeinschaft wird von Aussenstehenden unterschiedlich eingeschätzt - unbestritten sind ihre missionarischen Absichten (siehe Zusatzartikel).

Die Kampagne beinhaltet ein Rahmenprogramm im Quartierzentrum Wylerhuus in Bern mit Ausstellungen, Vortragsabenden und «weiteren Möglichkeiten der Begegnung und des Dialoges», wie die Initianten schreiben.

Reformiert und doch konservativ

Die Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat versteht sich als islamische Reformgemeinde. In der Schweiz zählt sie bloss rund 900 Mitglieder. Es ist eine kleine Minderheit, die auch bei anderen Muslimen wenig bekannt ist. Gegründet worden war die Gemeinschaft 1889 vom Inder Mirza Ghulam Ahmad. Aktiv in der Schweiz ist sie seit 1946. Ihr gehört die Mahmud-Moschee in Zürich, eine der wenigen Moscheen in der Schweiz, die ein Minarett hat. Der Gründer der Ahmadiyya-Bewegung wird von den Anhängern als Messias des Islam betrachtet. Die Ahmadiyya sei die Wiederbelebung des Islam und die prophezeite Vereinigung der Menschheit, heisst es auf der Homepage der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft lehne jegliche Gewalt und Terror im Namen der Religion ab.

Ausstellung und Vorträge im Wylerhuus

Diese Woche tritt die Ahmadiyya-Bewegung im Quartierzentrum Wylerhuus an der Wylerringstrasse 60 in Bern mit einer Islamausstellung und Vorträgen an die Öffentlichkeit. Es ist das Rahmenprogramm zur Plakataktion. Bis Ende Woche stehen noch zwei Veranstaltungen auf dem Programm, jeweils von 18.30 bis 21 Uhr (die Vorträge beginnen um 19.30 Uhr):

  • Freitag, 18. Mai: Islam – Eine Bedrohung oder Quelle des Friedens?
  • Samstag, 19. Mai: Warum fasten Muslime?

Imam Abdul Wahab Tayyab (Mitte) mit Helfern vor einem in Bern aufgehängten Plakat. (Bild: zvg)

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.05.2018, 16:18 Uhr

Missionarisch und gegen Gewalt

Wie ist die Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat einzuschätzen? Was bedeutet es, wenn sie von sich sagt, sie sei eine Reformbewegung und stehe ein für Frieden und Toleranz? Oder ist sie «abgeschottet» und «alles andere als weltoffen», wie das die deutsche Islamkritikerin, die Soziologin Necla Kelek, in einem Interview gesagt hat. Die Gemeinschaft unterscheide sich kaum von anderen streng konservativen islamischen Gemeinschaften, sagte Kelek. Zudem sei die Ahmadiyya-Gemeinschaft «sehr missionarisch».

«Ziemlich transparent»

Die Gemeinschaft sei durchaus als Missionsbewegung zu verstehen, sagt Reinhard Schulze, Professor am Forum Islam und Naher Osten der Universität Bern, auf Anfrage. Nur schon deshalb könne man sie kaum als abgeschottete Gruppe bezeichnen. Seit es sie gebe, also seit ihrer Gründung im Jahr 1889, sei sie klar erkennbar und «eigentlich ziemlich transparent», sagt Schulze.


Reinhard Schulze. (Bild: zvg)



Es handle sich sicherlich um eine eher wertkonservative Gemeinschaft, welche die traditionellen Werte wie Familie und Gemeinschaft hochhalte; gleichzeitig versuche sie, den Islam als apolitisch zu interpretieren. Die Trennung von Staat und Religion sei für die Gemeinschaft von substanzieller Bedeutung, sagt Schulze.

«Sehr kleine Religionsgemeinschaft»

Indem die Ahmadiyya-Gemeinschaft versuche, den Islam über positive Begriffe wie Frieden und Toleranz zu definieren, fülle sie eine Lücke aus. Ihre Plakataktion mit Slogans wie «Liebe für alle, Hass für keinen» sei in diesem Kontext zu sehen, sagt Schulze. Für Leute, die sich für den Islam interessierten, könne es durchaus interessant sein, über die Vorträge in Bern in Kontakt mit Vertretern der Gruppe und des Islam zu kommen. Allerdings müsse man sich im Klaren darüber sein, dass es sich um eine sehr kleine islamische Religionsgemeinschaft handle, aber man gewinne Einblick in die Pluralität der islamischen Konfessionen. (db)

Artikel zum Thema

«Der Jihad wird von vielen Muslimen falsch verstanden»

Der Islam sei anders, als er von vielen wahrgenommen werde, sagt Imam Abdul Wahab Tayyab. Nun will er an einem Vortrag in Bern gegen Missverständnisse ankämpfen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Tingler Besitz als Idol
Mamablog Bewahre, das Kind!

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Von Mitstreitern umkreist: Die «Rainbow Warrior» von Greenpeace bei einer Protestaktion gegen ein Kohleprojekt im Golf von Thailand. (21. Mai 2018)
(Bild: Arnaud Vittet/EPA) Mehr...