«Musikalisch über die Grenzen»

Das grösste Kulturfestival Berns lockt mit faszinierenden Live-Acts und einschüchternden Kostümen Jung und Alt in die Altstadt. Ein Rundgang.

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Gebannt und auch etwas eingeschüchtert weichen die Buskers-Fans zur Seite, wenn die über zwei Meter grossen Biester und ihr «Hirte» durch die Menge stelzen. Begleitet wird das Schauspiel von Walking Saurus von markerschütternden Vogelschreien und unheimlicher Musik. Einige zeigen sich zuerst fast verängstigt, doch bei allen macht sich nach kurzer Zeit Begeisterung breit. Staunende und lachende Gesichter empfangen das Quartett. «Ich könnte den ganzen Abend diesen Vögeln hinterherlaufen», sagt eine Passantin zu ihrem Begleiter.

«Wir legen Wert auf Groove»

Es zieht sie dann aber doch weiter, denn auch die musikalischen Darbietungen wollen gehört werden. Um die Band Viertaktmotor haben sich schon Dutzende von Leuten versammelt. Jung und Alt lauschen den ersten Tönen, während Hackbrettspieler und Bandleader Nayan Stalder, Kontrabassspieler Laurin Moor, Akkordeonspieler Kaspar Eggimann und Violoncellist Raphael Heggendorn ihre Instrumente einstimmen. Einige sind gekommen, weil sie das Genre der neuen Schweizer Volksmusik kennen lernen wollen. Andere bleiben im Vorbeigehen hängen, einige von ihnen sind überrascht: «Das ist Schweizer Volksmusik? Darunter hätten wir uns etwas anderes vorgestellt.»

Nayan Stalder ist der Bandleader von Viertaktmotor und hat die Band 2015 im Rahmen eines Bachelorprojektes gegründet. Lange herrschte um die Band danach erst einmal Stille, bis vor vier Monaten. «Damals entstand die Idee als Band.»

Die Wahl des Bandnamens erkläre sich von selbst, findet Nayan. «Da wir Schweizer Volksmusik machen, musste es auf jeden Fall etwas Deutschsprachiges sein.» Die Zahl Vier spreche dafür, dass sie ein Quartett seien. Der Takt aus Viertaktmotor sei selbstredend, da sie Musik machten. «Wir legen Wert auf Groove, das symbolisiert der Motor.»

Immer wieder kann man im Publikum überraschte Blicke abfangen, ein kleiner Junge bestaunt Nayans Hackbrett. Wie kommt man eigentlich dazu, ausgerechnet Hackbrett spielen zu wollen? Nayan wollte eigentlich immer ein Alphorn, war aber mit sechs Jahren noch zu klein dazu. «Sie haben mir gesagt, ich solle zuerst mit dem Waldhorn anfangen.» Ein halbes Jahr habe er das gezwungenermassen ausprobiert, es sei aber nichts für ihn gewesen. Das Hackbrett entdeckte er durch Zufall. «Ich habe das Instrument einmal bei einem Strassenmusiker in Bern gesehen.» Daraus entwickelte sich eine Leidenschaft, mittlerweile spielt er seit vierzehn Jahren. Damals wusste Nayan noch nicht, dass er einmal Musiker werden würde.

Tor zu einer neuen Welt

Passiert man den Zytgloggeturm in Richtung Bärengraben, eröffnet sich einem der Blick in die Kramgasse und damit in eine andere Welt: Essensstände und Musikbühnen wechseln sich ab. Dieses Jahr zieht sich durch die Mitte der Strasse eine lange Tafel, an der sich Besucherinnen und Besucher eine Pause gönnen können. An der oberen Münstergasse hat sich derweil eine grosse Menschenmenge zusammengefunden. Überall werden Handys in die Höhe gestreckt, um die Band Volosi auf Fotos und in Videos festzuhalten. Sie sind aber auch mit Herz und Seele bei der Sache, mit Körpereinsatz, und lachend präsentieren sie sich dem Publikum. Moderne Klassik, die die Zuschauer mit lautem Applaus begrüssen.

Althergebrachtes vermischt mit Modernem geniessen die Zuhörer auch an den Konzerten der Viertaktmotoren. Doch warum entscheiden sich junge Musiker gerade für neue Schweizer Volksmusik? Die Musik sei ein Rückblick auf Tradition, die sich durch neue Elemente immer weiterentwickle. Die Band lässt sich von Heim- und Fernweh treiben: «Es geht musikalisch über die Grenzen. Ungerade Rhythmen wie beispielsweise Siebenachteltakte oder Fünfvierteltakte gibt es sonst in der Schweizer Volksmusik nicht», sagt Nayan. Er ist überzeugt, dass alle diesen Drang in sich haben, wegzuziehen, auszubrechen aus der engen Schweiz, neue Länder und Kulturen kennen zu lernen. «Denn nur so wachsen wir, nur so findet eine Entwicklung statt.»

Und doch trügen die meisten etwas in sich, das sie hier festhalte, verwurzle oder zumindest immer wieder hierher zurückführe. Was das genau sei, könne man meist nur schwer benennen. «Und ich denke, genau so geht es vielen Menschen mit unserer Volksmusik.» Falsch liegt er damit nicht, Viertaktmotor hält das Publikum auf jeden Fall fest. Nach jedem Lied erntet die Band begeisterten Applaus. (Der Bund)

Erstellt: 10.08.2018, 19:47 Uhr

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