Mürrens ehemaliges Flaggschiff hat ein Leck

Das Hotel Alpin Palace in Mürren ist seit letztem Sommer geschlossen. Ob die ehemalige 4-Sterne-Herberge je wieder aufgeht, ist unklar, denn auf der Liegenschaft lasten in den nächsten drei Jahrzehnten vertrackte Verpflichtungen mit weitreichenden Folgen.

Schnee, Aussicht und Direktzugang zum Sportzentrum (links), doch das Alpine Palace in Mürren ist geschlossen. (Archivbild/mdü)

Schnee, Aussicht und Direktzugang zum Sportzentrum (links), doch das Alpine Palace in Mürren ist geschlossen. (Archivbild/mdü)

Markus Dütschler

Im Alpin Palace regt sich nichts, trotz Sportferien, Hochsaison, Februarsonne und tollem Schnee. Nur Franz Sonderegger, Abwart seit 39 Jahren, erhitzt an jenem Tag mit einem Brenner ein Ablaufrohr, um Frostschäden zu vermeiden. Schäden erleidet das Haus auch so genug, denn Gäste gibt es seit Sommer 2009 nicht mehr. «Unser Hotel ist vorübergehend geschlossen», verkündet ein Zettel am Eingang. Es bleibe «wegen Renovierungsarbeiten bis zur Wintersaison geschlossen», verhiess die Webseite, bevor sie abgeschaltet wurde.

Wüster Streit vor Gericht

Nur hinter den Kulissen tut sich etwas: im Saal des Gerichtskreises XI Interlaken-Oberhasli. Am 10. Februar hat die ausserordentliche Gerichtspräsidentin Stefanie Pfänder Baumann auf 10 Uhr einen Aussöhnungstermin anberaumt. Erscheinen sollen der ehemalige Alpin-Palace-Hoteldirektor mit Gattin, wohnhaft im Kanton Basel-Stadt, nun im Pensionsalter – und die 44-jährige Eigentümerin des Hotels, die Kasachin Svetlana Kan aus Almaty. Das Ehepaar will die Auszahlung des Lohns erstreiten, der ihm für die Arbeit zusteht, bevor es zum «bösen Abgang» kam: Der Krampf soll «nicht für die Katz» gewesen sein. Der Streitwert bewegt sich im sechsstelligen Bereich. Die Gegenseite – Svetlana Kan mit einem Juristen aus Luzern – trudelt um 11.30 Uhr ein, wofür sie von der Richterin getadelt wird. Kans Jurist – der Berater ohne Anwaltsmandat will nicht genannt werden – kontert die Ansprüche des Ehepaars vor Gericht mit starkem Tobak: Urkundenfälschung, ungetreue Geschäftsführung und dergleichen. Als der Ex-Direktor die «perfiden und dreckigen» Vorwürfe hört, ist er «am Boden zerstört»: Das lasse er sich als ehrlicher Mensch nicht bieten. Das Verfahren ist weiter hängig.

Von Basel nach Mürren

Geplant war es anders. Nachdem das Ehepaar in Basel jahrelang ein stadtbekanntes Hotel mit Café geleitet hatte, wollte es sich zur Ruhe setzen, doch ein illustrer Gast durchkreuzte die Pläne: René C. Jäggi. Der Geschäftsmann auf vielen Parketten galt in den 1980er-Jahren als Sanierer des Sportartikelriesen Adidas, rettete den fast bankrotten FC Kaiserslautern und managte von 1996 bis 2002 den Basler Fussballklub FCB, der unter seiner Führung Meister wurde und das alte «Joggeli» durch ein neues Superstadion ersetzte. Ab 1990 war Jäggi Besitzer des Mürrener Hotels Alpine Palace und galt auf der Sonnenterrasse am Fuss des Schilthorns als «glatter Cheib». Jäggi holte die Timesharing-Firma Anfi an Bord. Später kaufte er die Anfi-Anteile zurück, doch die Timesharing-Rechte existierten weiter. Wer in Mürren durch die Hoteltüre blickt, sieht in der Lobby eine Weltkarte der britischen Timesharing-Tauschbörse RCI (Royal Crown), auf der die Ferienstandorte in aller Welt verzeichnet sind, darunter auch das Gold Crown Resort Alpin Palace.

Kasachin kauft Katze im Sack

2009 stösst Jäggi das Hotel ab. Ein Basler Anwalt hat ihn mit Kan zusammengebracht, der Investorin aus der früheren Sowjetrepublik Kasachstan. Kans Ehemann soll im Energiegeschäft tätig sein. Die Geschäftsfrau mit den Stöckelschuhen lässt sich vom Image der Schweiz blenden. «Ich dachte, das Land ist sicher wie ein Tresor», sagt sie, als sie der «Bund» nach längeren Bemühungen am Freitag in Almaty erreicht. Sie habe Fachleuten vertraut, denn sie sei Geschäftsfrau, aber «keine Buchhalterin, keine Juristin, kein Hotelier und keine Bank», wie sie in bemerkenswert gutem Deutsch erklärt. Sie sei das «Opfer von Intrigen» geworden. Plötzlich sei kein Geld mehr auf dem Hotelkonto gewesen, Lieferantenrechnungen und sonstige Forderungen seien nicht bezahlt worden. Als die Eignerin merkte, dass sie mit dem Kaufpreis – laut Insidern 5,5 Millionen Franken – mitnichten die volle Verfügungsgewalt über den Hotelkasten erworben hatte, war das für sie «ein Schock, aber da war es zu spät». In einer Medienmitteilung von Anfang Juni 2009 tönte es optimistisch. Das Hotel bleibe zwar «wegen dringend nötiger Renovationsarbeiten» und einer «Restrukturierung der Gesellschaft» im Sommer geschlossen, doch sei die Wiedereröffnung für kommenden Winter geplant. Das «ehrenwerte Palace» leide jedoch unter der «Last der Vergangenheit durch die unseriösen Vorgänger».

Jäggi weist Vorwürfe zurück

Gemeint ist René C. Jäggi, derzeit in Florida. Der «Bund» konfrontierte Jäggi mehrfach mit dem Vorwurf, doch ignorierte er alle Anfragen. Aus Versehen schickte die Sekretärin in Jäggis Basler Firma GRJ AG ein Mail statt an ihren Chef an den «Bund». Darin bat sie Jäggi um Instruktion, wie mit dem Redaktor umzugehen sei: «Sali René, was soll ich antworten? Er hat auch schon angerufen. Herzliche Grüsse.» In Basel bemerkte man den Irrtum, und ab da war Jäggi zu sprechen. Am Telefon in Miami sagte er dem «Bund»: «Gegen diese Aussagen sind unsere Anwälte sofort eingeschritten, Frau Kan hat sich dafür entschuldigt.»

Jäggi weist den auch in Mürren kursierenden Vorwurf zurück, er habe die Käuferin hereingelegt. Sie habe alle Verpflichtungen gekannt, ebenso ihr juristischer Berater in Luzern: «Und was man unterschreibt, muss man halten, auch wenn es einem nicht passt.» Jäggi deutete an, er sei mit Kan in Verbindung, um gemeinsam eine Lösung der Timesharing-Problematik zu finden. Einfach dürfte das nicht werden, denn die im Grundbuchamt Interlaken eingetragene Dienstbarkeit zugunsten einer 1998 gegründeten Palace Mürren Title Ltd. hat es in sich: Sie ist bis ins schöne Jahr 2041 wirksam. Bislang machte die Timesharing-Firma im schäbigen Backsteingebäude an der Great Eastern Street 2–4 in London keinerlei Anstalten, auf ihre verbrieften Ansprüche zu verzichten.

Der Bund

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