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Mit der richtigen Perücke gegen die Krankheit

Seit über 40 Jahren macht Kurt Morgenthaler Frisuren für Menschen, die keine Haare oder nur noch einen Teil davon haben. 80 Prozent seiner Kunden sind Frauen, die meisten verlieren ihre Haare wegen der Chemotherapie.

Corinne Sahli, eine Mitabeiterin von Kurt Morgenthaler, beim Knüpfen einer Perücke. (Adrian Moser)
Corinne Sahli, eine Mitabeiterin von Kurt Morgenthaler, beim Knüpfen einer Perücke. (Adrian Moser)

Einmal aussehen wie Victoria Beckham? Mit dem Perückenmodell «Victoria» ist das möglich. Der asymmetrische Kurzhaarschnitt sitzt perfekt, auch nach dem Waschen, erklärt Kurt Morgenthaler und glättet ein paar widerspenstige Kunsthaare von «Victoria». Seit über 40 Jahren macht er Frisuren für Menschen, die keine Haare oder nur noch einen Teil davon haben. 80 Prozent seiner Kunden sind Frauen, die meisten verlieren ihre Haare wegen der Chemotherapie. Fast jeden Abend besucht er im Spital Patientinnen. «Mein Ziel ist es immer, die Perücke zu finden, die der Originalfrisur am nächsten kommt», sagt er. Dafür lässt er seine Kundinnen verschiedene Perückenmodelle anprobieren.

Wenn sich das geeignete Modell gefunden hat, passt er dieses der Trägerin an. Möglich sei fast alles: von Mèche bis zu einer Punkmähne. «Ich habe über 500 Frisuren an Lager», sagt er. Doch da man auch bei den Perücken mit Trends gehe, müsse er veraltete Modelle irgendwann abschreiben. Da Victoria Beckham ihre Frisur so oft wechselt, dürfte dem Model «Victoria» also bald eins der folgenden Schicksale blühen: Entweder wird es nach Rumänien verschickt oder in die Theaterkiste gepackt. Daraus dürfen sich dann Theaterausstatter und Maskenbildner bedienen, und für «Victoria» wäre es die Chance, doch noch einmal auf der Bühne zu stehen.

Echthaarperücken sind out

Maskenbildner kommen auch zu Morgenthaler, um das Handwerk des Perückenknüpfens zu lernen. Eine spezielle Ausbildung dafür gibt es nicht, und in der Ausbildung zum Friseur ist Perückenmachen nur noch theoretisch ein Thema – nicht wie früher, als Knüpfen Bestandteil der Friseurausbildung war. Ähnlich ist es mit den Echthaarperücken. Über die spricht man nur noch. Längst wurden sie durch Kunstfaserhaare abgelöst. «Die sind viel leichter und pflegefreundlicher», sagt Morgenthaler. Er selbst hat im Keller noch über 100 Kilogramm Echthaare gelagert und weiss nicht, was er damit machen soll.

Anders mit «Victoria». Die benutzt er nun, um an sich selbst zu demonstrieren, wie man den Haarersatz mit Klammern oder Pflastern am Kopf befestigen kann. «Victoria» mit Bartstoppel. Morgenthaler muss schmunzeln und zieht sich die Perücke wieder vom Kopf. Seinen Beruf nimmt er jedoch sehr ernst. Haarverlängerungen oder Perücken für Fasnacht oder Ausgang macht er nicht. «Ich mache nur Perücken für Menschen, die das wirklich brauchen.»

Hinter ihm sind unzählige kleine Kisten gestapelt, alle beschriftet mit Namen. «Das sind reservierte Perücken», erklärt er. Sobald nach der Chemotherapie die ersten Haare ausfallen, bringt er den Betroffenen den Haarersatz vorbei. Ungefähr 1300 Franken kostet die neue Haarpracht, mit der sich die meisten seiner Kunden besser fühlen. «Die Anerkennung und der Dank sind für eine Perücke viel grösser als für eine Frisur», sagt er.

Haarige Familientradition

Schon sein Vater war Perückenmacher, und auch seine Tochter ist ins Geschäft eingestiegen. Während er die Perücken früher selber machte, bezieht sie Morgenthaler heute fixfertig aus Japan, Südkorea, China oder Indonesien. Zwar sei die Qualität hervorragend, sagt er, doch es blieben Zweifel. «Ich möchte nicht wissen, unter was für Bedingungen die Menschen in den asiatischen Fabriken arbeiten müssen.» Immerhin seien die Perücken für einen guten Zweck. «Ich sehe, dass ich den Menschen damit ein gutes Gefühl geben kann. Das hilft auch gegen die Krankheit.» Zudem müsse heute alles schnell gehen. Gerade bei Krebspatienten, die ihre Haare von einem Tag auf den anderen verlieren. Da könne man es sich nicht leisten, 50 bis 60 Stunden an einer Perücke zu knüpfen. Schon gar nicht bei der Menge von 300 bis 400 Perücken, die er jährlich verkauft.

Zu seiner Profession gehöre auch eine gute Portion Humor, findet er. Mit seinen Kunden zusammen müsse er oft lachen. Einmal zum Beispiel sei eine Frau ins Geschäft gekommen und habe gesagt, dass mit ihrer Perücke etwas nicht mehr stimme. Sie sei vorne plötzlich zu lang und hinten unglaublich kurz. Also ­irgendwie asymmetrisch wie «Victoria», die mittlerweile verlassen auf einem Perückenständer vor sich hin glänzt. Morgenthaler sah auf den ersten Blick: Die Perücke wurde verkehrt rum getragen.

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