Mit dem Politiker Jakob hat das nichts zu tun

Im Fall Jakob geht es schlicht um den Überlebenskampf eines Einmann-Betriebs, so «Bund»-Redaktor Bernhard Ott. Als Politiker ist ihm nichts vorzuwerfen.

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(Bild: Valérie Chételat)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Ein Malermeister hat den Sanierungsbedarf der Fassade eines Wohnhauses offenbar falsch eingeschätzt. Dies zumindest sagt ein Experte, der die Fassade begutachtet hat. Die Eigentümer hatten Sanierungskosten im mittleren fünfstelligen Bereich bezahlt, aber die Fassade ist trotz mehrerer Ausbesserungsversuche immer noch nicht in Ordnung.

Der Malermeister hat aufgrund der Fehleinschätzung mangelhaft gearbeitet. Das ist unannehmbar und für die Betroffenen äusserst ärgerlich. Sie verzichten aber auf eine Schadenersatzklage, weil der Malermeister in finanziellen Schwierigkeiten steckt.

So was kommt wohl gelegentlich vor in einer Branche, in der ein gnadenloser Preiskampf herrscht und die günstigste Offerte meist zum Zuge kommt. Nun aber ist der Malermeister Chef der grössten bürgerlichen Fraktion im Berner Stadtrat. Und damit erhält die Geschichte eine politische Schlagseite.

SVP-Stadtrat Jakob hat wenig Erbarmen, wenn es zum Beispiel um Sozialhilfebetrüger geht. Im Fall des Malermeisters Jakob geht es aber nicht um Betrug oder andere unsaubere Machenschaften. Es geht auch nicht um eine Vergangenheit im Rotlichtmilieu, die für einen Politiker zumindest fragwürdig ist, wie der Rückzug des einstigen SVP-Gemeinderatskandidaten Stefan Hofer gezeigt hat.

Im Fall Jakob geht es schlicht um den Überlebenskampf eines Einmann-Betriebs, dem das Wasser seit Jahren bis zum Halse steht. Jakob hätte seine Firma schon lange liquidieren lassen und eine neue gründen können. Damit hätte er zwar manch ein weiteres KMU unter seinen Gläubigern in Schwierigkeiten gebracht. Er selber aber wäre fein raus gewesen. Das hat der Handwerker aber nicht getan.

Er hat vielmehr kontinuierlich daran gearbeitet, seine Schulden zurückzuzahlen. Dass die Schulden bei der Steuerbehörde dabei nicht die oberste Priorität hatten, ist nachvollziehbar. Mit Malermeister Jakob hätte wohl sogar der Politiker Jakob Erbarmen.

Handwerker Jakob ist durch die Berichterstattung über seinen Fall schon genug gestraft. Mit dem Politiker Jakob hat das aber nichts zu tun.

Der Bund

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