Mit Computercode in die Arbeitswelt

Das Berner Hilfsprojekt «Powercoders» will mit einem Programmierlehrgang aus Flüchtlingen qualifizierte Arbeitskräfte für die Internet-Branche machen. Mitte Januar startet der erste Durchgang des Kurses.

Zwei der künftigen «Powercoders»: Jamila Amini (l.) und Muhammed Altahhan.

Zwei der künftigen «Powercoders»: Jamila Amini (l.) und Muhammed Altahhan. Bild: Franziska Rothenbühler

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Muhammed Altahhan ist 25 und hat einen Bachelor in Software-Entwicklung. Jamila Amini ist 26, hat ebenfalls im Informatik-Bereich studiert und junge Erwachsene im Programmieren unterrichtet. Jung und gut ausgebildet – keine schlechten Aussichten auf dem Schweizer Arbeitsmarkt, wo ein Mangel an IT-Fachkräften herrscht. Nur: Der 25-jährige Syrer Altahhan ist erst seit vier Monaten in der Schweiz, lebt in einer Asylunterkunft in Freiburg und weiss nicht, ob er bleiben kann. Auch die junge Afghanin Amini ist erst vorläufig aufgenommen und lebt seit einem Jahr mit ihrem Mann und ihrem Kind in einer Wohnung in Köniz. Schlechte Voraussetzungen für den Arbeitsmarkt.

Engagierte Profis

Wie schaffen es qualifizierte Flüchtlinge, in der Schweizer Arbeitswelt Fuss zu fassen? Dieser Frage hat sich das Berner Projekt «Powercoders» angenommen. Gegründet unter anderem vom Berner Unternehmer Christian Hirsig, will das Programm nach einem zwölfwöchigen Intensivkurs und einem anschliessenden Praktikum von drei bis sechs Monaten die Flüchtlinge als Web-Entwickler auf dem Arbeitsmarkt integrieren. «In diesem Bereich gibt es einen grossen Bedarf in der Branche», sagt Hirsig, der sich als in der Berner IT-Szene «sehr gut vernetzt» bezeichnet.

Seine Szenen-Kontakte hat Hirsig für Powercoders genutzt. Der Hauptteil des Projektes wird durch Freiwilligenarbeit gestemmt. Die Lehrer sind Fachleute, viele kennt Hirsig persönlich. «Viele hätten sich gerne auch im Ausland für Flüchtlinge engagiert», sagt Hirsig. Doch die meisten konnten ihre Firmen in der Schweiz nicht einfach so alleine lassen. Auch für die Praktikumsplätze sind schon viele Zusagen gekommen, von grossen Firmen wie der Migros Aare, der Post, der Mobiliar oder der Swisscom, aber auch von vielen kleineren Berner Firmen.

Für die Kosten, die trotz des Freiwilligen-Modells entstehen, konnte Powercoders Sponsoren gewinnen. So bestreitet das Migros-Kulturprozent als Hauptsponsor zwei Drittel der Kosten, der Rest kommt von der Raiffeisen-Bank als Co-Sponsor. Über ein noch laufendes Crowdfunding sollen zudem Laptops finanziert werden sowie Essengutscheine für die Lehrer, unter anderem für das Café im Co-Workingspace Effinger, wo die Kurse auch stattfinden werden.

Aus über 120 Bewerbungen haben Hirsig und sein Team 15 Teilnehmer aus sieben Ländern ausgewählt. Diese werden nun ab Mitte Januar den Kurs absolvieren. Nicht nur die Herkunft der Teilnehmer ist breit, auch die Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich: Teilnehmer wie Altahhan und Amini, die später gerne in ihrem Fachbereich einen Master machen würden, bringen bereits viel Vorwissen mit. Andere haben gar keine Informatik-Kenntnisse. Ausschlaggebend bei der Auswahl seien Motivation und Lernfähigkeit gewesen, sagt Hirsig.

Das Ziel von Powercoders ist es, dass die Teilnehmer nach dem Praktikum eine Festanstellung in der Tasche haben. Wenn das Konzept funktioniert, soll es auch andernorts angewendet werden, in Zürich etwa, aber auch im Ausland. Natürlich gehöre das tatsächliche Resultat zu den Unwägbarkeiten des Projektes, sagt Hirsig. Wie sich die Teilnehmer in die Arbeitswelt integrierten, könne man nicht voraussagen. «Es wird sicher ein Abenteuer», sagt auch Pawel Kowalski, Mitgründer der Berner Webagentur Iterativ. Er wird einen Praktikanten aus dem Projekt aufnehmen und zudem selber unterrichten. «Es ist schade, wenn qualifizierte Leute Trams putzen», sagt Kowalski. Zudem könne seine kleine Firma gut weitere Arbeitskräfte brauchen. Die Strukturen würden es auch erlauben, jemanden vertieft einzuarbeiten. Doch die Integration in die Arbeitswelt ist erst der letzte Schritt, es gibt trivialere Hindernisse: So ist wie bei Altahhan und Amini auch bei zwei anderen Teilnehmern der Aufenthaltsstatus noch nicht geklärt. «Darauf haben wir leider keinen Einfluss», sagt Hirsig. Und manchmal sind es einfach auch die Lebensumstände, die zuerst gemeistert werden müssen. So gibt es im Foyer de Châtillon in Freiburg, der von ORS betriebenen unterirdischen Asylunterkunft, wo Altahhan aktuell lebt, nicht nur keine ruhigen Orte zum Lernen, sondern auch kein WLAN. «Ich habe beantragt, in eine andere Unterkunft, eine in der Deutschschweiz, verlegt zu werden. Aber ob es klappt, weiss man nicht.»

Wichtig sei es, den ersten Durchgang des Kurses als Pilotprojekt zu betrachten, sagt Hirsig. «Gescheitert wären wir nur, wenn wir nicht alles versucht hätten, das Projekt möglich zu machen.» (Der Bund)

Erstellt: 31.12.2016, 14:59 Uhr

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