«Mir graut vor dem Zeitpunkt, an dem ich mich entscheiden muss»

Jost Zeindler erklärt, wieso er sich an der Aushebung komisch fühlte, weshalb Bern jugendfreundlich ist und warum synthetische Drogen das neue Cannabis sind.

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Martin Erdmann@M_Erdmann

Ende Schuljahr will Jost ausziehen. Mit der Matura im Sack plant er, die elterliche Wohnung in der Länggasse zu verlassen. Bis es so weit ist, wohnt er weiterhin im Zimmer gleich gegenüber der Wohnungstür. Etwas weiter den Gang runter steht ein Klavier, Bücherregale erstrecken sich bis ins Wohnzimmer. Dort dreht eine Katze ihre Runden. Im Regal über dem Küchentisch steht eine CD-Sammlung, die von Klassik bis Creedence Clearwater Revival reicht. Diesen Ort bald zu verlassen, macht Jost manchmal etwas Angst. Wenn er an den Auszug denkt, fühlt er sich wieder wie ein Kind. «Alles zu regeln, mit meinen Eltern zu verhandeln – das ist alles neu für mich», sagt der 19-Jährige.

Als Jugendlicher fühlt sich Jost von Erwachsenen oft falsch verstanden. «Wie über die Jugend als Einheit geredet wird, ist schon etwas seltsam.» Ebenso seltsam sei dann, was über sie geredet werde. «Wir seien unhöflich, hedonistisch, hätten kein Interesse an Arbeit.» Das sei aber schon vor 100 Jahren über die Jugend behauptet worden, meint Jost. Und wie vor 100 Jahren gebe es auch heute nur eine kleine Minderheit, die diese Klischees bestätige. «Wenn man durch die Stadt läuft, dann sieht man immer irgendjemand, der laut ist und pöbelt.»

«Jeder, wie er will»

Vor kurzem war Jost an der Aushebung. Dort traf er, der Gymerschüler aus der Länggasse, auf Jugendliche aus völlig anderen sozialen Schichten mit komplett anderen Interessen. «Ich merkte, dass ich mich von denen stark unterscheide.» Jost sagt das scheinbar ohne jede Wertung. «Es soll doch jeder sein, wie er will. Auch wenn er etwas anders ist als die anderen.» Jost glaubt, von der Norm etwas abzuweichen. «Ich frage mich manchmal, ob andere Jugendliche auch so nachdenklich sind.» Er überlege viel. Grundsätzliche Fragen der Philosophie und gesellschaftlicher Wandel beschäftigen ihn.

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Bald kriegt Jost seine Maturaarbeit zurück. Thema: «Ich habe darüber geschrieben, wie Schallplatten auf physikalischer Ebene funktionieren.» Wirkt diese Themenwahl nicht schon fast antik für einen Jugendlichen im Jahr 2015? «Das hat schon etwas, aber ich bin grosser Fan von analogen Medien.» Musik ist ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Schon früh hätten seine Eltern versucht, für ihn ein Instrument zu finden, das ihm gefalle. «Das hat aber nicht wirklich funktioniert.» Musik macht er trotzdem — am Computer. Als er damit vor drei Jahren anfing, produzierte er mehr Drum 'n' Bass und House, heute geht es eher in Richtung Hip-Hop.

«Jeder Depp kommt an Drogen ran»

Am Wochenende ist Jost oft unterwegs. Er unternimmt viel mit seiner Freundin oder trifft sich mit Kollegen. «Wir reden über Politik und Musik. Frauen sind natürlich auch immer ein Thema.» Der Treffpunkt ist oft vor der Reithalle, andere Optionen gibt es für Jost kaum. «Das Angebot in Clubs spricht mich selten an, und es ist alles viel teurer.» Vor der Reithalle wird geredet und getrunken. «Manchmal gibt es auch Musik, dann kann man tanzen.»

Jost sieht Bern als jugendfreundliche Stadt, aber aus einem bestimmten Grund. «Sie wird durch die Jugend zu einer solchen gemacht.» Das spärliche Angebot werde mit Eigeninitiative gefüllt. «Es ist schön, dass man hier vieles selber auf die Beine stellen kann.» Etwas Kritik an der Stadt gibt es trotzdem. «Sie könnte manchmal etwas toleranter sein, gerade was Lärm anbelangt.»

Suchtmittel und Drogen spielen laut Jost auch bei der heutigen Jugend eine Rolle. Dennoch hätten sich einige Dinge geändert. Cannabis sei etwas aus dem Fokus gerückt, sagt Jost und begründet das mit auffällig gewählten Worten: «Kiffen hat sich zu fest etabliert, um den jugendlichen Durst nach gesellschaftlicher Inakzeptanz zu stillen.» Dafür seien synthetische Drogen auf dem Vormarsch. «Viele Jugendliche, die ich kenne, gehen damit locker um.» Man setze sich gar nicht gross damit auseinander, sondern probiere einfach aus. Ist es als Jugendlicher denn nicht schwierig, sich Rauschgift zu beschaffen? Jost verneint. «Jeder Depp kommt an Drogen ran.»

Endende Jugend

Nach der Matura will Jost ein Zwischenjahr einlegen. «Ich will reisen, aber auch arbeiten.» Was, ist ihm egal. Was danach kommen wird, beschäftigt ihn nur «mittelmässig». Er könnte sich ein Studium vorstellen, hat aber zu viele Interessen, um sich für eine Richtung zu entscheiden. «Mir graut schon vor dem Zeitpunkt, an dem ich mich für etwas entscheiden muss.» Daneben hegt er Träume, wie sein Leben ohne Studium verlaufen könnte. «Ich würde gerne tätowieren lernen oder die Musik zu meinem Beruf machen.»

Über kurz oder lang werde ihn eine künstlerische Laufbahn aber wohl kaum so weit bringen wie ein Studium. Deshalb will Jost den Rest seiner Jugend dazu nutzen, um seine kreative Seite voll auszuleben. «Ich habe Angst, dass mir später die Zeit oder Energie dazu fehlt.»

DerBund.ch/Newsnet

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