«Mein Kind hat mich weitergebracht»

Wieder Montag

Ein Kind und keine Lehre: Die 21-jährige Mutter Cornelia Sauterel arbeitet in Bern an ihrer finanziellen Unabhängigkeit.

Matthias Raaflaub

Ihre Augen leuchten, wenn Cornelia Sauterel von ihrem Sohn spricht. Justin wird im August zweijährig. «Er fängt jetzt an zu sprechen», erzählt die Mutter. «Und je älter er wird, desto interessanter wird er.» Vier Tage pro Woche verbringt der Kleine in der Kita, weil Sauterel derzeit beruflich aufholen will. Die 21-Jährige sucht am Kompetenzzentrum Arbeit an der Lorrainestrasse in Bern eine Stelle, um ihre Berufslehre im Gastrobereich abschliessen zu können. «Ich habe natürlich diese Büchlein übers Muttersein gelesen», sagt sie. Dort habe sich alles so anstrengend angehört. Doch mit ihrem Knaben sei es bislang ganz anders. «Vielleicht habe ich schlicht ein einfaches Kind», sagt sie und lacht.

Noch im ersten Lehrjahr hatte Sauterel die Ausbildung demotiviert hingeschmissen. «Ich hatte nur Probleme», sagt sie. Doch so würde sie es nicht mehr machen. Nüchtern sagt sie über diesen jugendlichen Kurzschluss: «Ich war jung und dumm.»

Schwanger wurde Sauterel etwas später, mit 19 Jahren – es passierte ungeplant, wenn auch in einer festen Beziehung. «Ich war richtig perplex», erinnert sie sich an den Moment der Bestätigung. Bald aber stand gemeinsam mit dem Freund der Entschluss fest, das Kind zu behalten. Sauterels Schwester und ihr Vater hatten zur Abtreibung geraten. Ihre Mutter habe den Wunsch der Tochter akzeptiert, aber gesagt: «Du musst einfach wissen, was das heisst.»

Als Sauterels Beziehung zerbrach, stand die junge Frau plötzlich vor einem unüberwindbaren Problem. Wie sollte sie Geld verdienen und sich gleichzeitig um das Kind kümmern? «Ich habe mir stets gesagt: Auf dem Amt lande ich nicht.» Aber nach der Trennung sei ihr nichts anderes mehr übrig geblieben.

Der Gang zum Sozialdienst fiel ihr nicht leicht. Es habe sehr viel Überwindung gebraucht, denn ohne zu arbeiten könne sie kein Geld annehmen. Erst eine langjährige Freundin, ebenfalls eine junge Mutter, machte sie auf das Angebot des Kompetenzzentrums Arbeit der Stadt aufmerksam. Heute arbeiten sie beide einige Tage dort, neben sieben weiteren Frauen. Sie frischen die Schulbildung auf, schreiben Bewerbungen und nähen in der hausinternen Werkstatt. «Es ist gut für mich», sagt Sauterel. Neben dem Kind habe sie kaum Zeit, sich mit Freunden zu treffen, unter die Leute zu kommen. Hier habe sie es mit den Arbeitskolleginnen gut und nie «Theater». «So habe ich das noch nie erlebt.»

Ja, es gebe Vorurteile, sagt Sauterel. Viele glaubten, dass junge Mütter naiv seien und «keine Ahnung von nichts» hätten. Heute höre sie bei solchen Aussagen nicht mehr hin. Denn es stimme nicht. Junge Mütter übernähmen sehr früh viel Verantwortung. Sauterel hat sich nach der Geburt den Tatsachen gestellt. «Mein Kind hat mich weitergebracht», sagt sie selbstbewusst. In den Jahren nach der Geburt habe sie ihren Freundeskreis gewechselt und einen Wandel im Leben vollzogen. Sie nahm ihre Zukunft selbst in die Hand und liess das Nichtstun und Nichtswollen zurück.
Am Kompetenzzentrum Arbeit ist Sauterel mit der Berufsberaterin zusammengesessen. Rasch habe sie feststellen müssen: Die Laufbahnplanung hat als Mutter ohne Ausbildung enge Grenzen. «Ich habe einmal noch davon gesprochen, mit einer Detailhandelslehre anzufangen.» Es sei klar geworden, dass eine neue Lehre unrealistisch sei. Arbeitgeber, welche eine Mutter in Teilzeit ausbilden wollen, gebe es nicht. Die Nachholbildung sei darum die beste Option. So kann sie die schon gesammelte Arbeitserfahrung nach zusätzlichen Schul- und Arbeitsstunden in einen Berufsabschluss ummünzen.
Hat sie für das Kind nicht Träume und Lebenspläne geopfert? Dem nachzutrauern, wäre nicht Sauterels Art. «Natürlich, man ist eingeschränkt», sagt sie. «Aber das habe ich schon in der Schwangerschaft gewusst. Darauf habe ich mich eingelassen.» Sie mache die Nachholbildung auch für ihren Sohn, sagt sie. «Nicht allein, dass ich finanziell für ihn sorgen kann. Ich möchte auch Vorbild sein.» Dafür lohnten sich die paar Jahre bis zur Unabhängigkeit. «Es ist nicht zu spät», sagt sie.

Der Bund

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