Mehr Raum für Kunst

Damit die Kunst im öffentlichen Raum bis in die Quartiere reicht, braucht es mehr finanzielle Mittel. Ein Gastbeitrag von SP-Gemeinderätin Ursula Wyss.

Die Schang-Hutter-Skulptur vor dem Kornhaus.

Die Schang-Hutter-Skulptur vor dem Kornhaus. Bild: Franziska Rothenbühler

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Unweit des Kindlifresserbrunnens vor dem Kornhaus steht ein Mann, seine überlangen Arme hilflos zum Himmel gestreckt. Man kann ihn leicht über­sehen, denn der Mann steht auf einem hohen Sockel, ist drahtig und von Velos umringt.

Mehr noch als die Verletzlichkeit des Menschen zeigt die Skulptur des Solothurner Künstlers Schang Hutter, wie umkämpft der öffentliche Raum ist: Auto, Velo, Bus und Tram auf engstem Raum, dazwischen Fussgänger, Kinderwagen, Plakatstellen und Strassen­cafés. Der öffentliche Raum lebt von seiner Vielfalt. Damit er seine Qualität entfalten kann, bedarf es aber eines sorgfältigen Umgangs und einer hochwertigen Gestaltung. Das gilt für Strassen und Plätze genauso wie für die Kunst darin.

Die Kunst im öffentlichen Raum hat grosses Potenzial. Nicht um Probleme zu kaschieren oder Leerstellen zu füllen, wie die häufig peinliche Möblierung von Kreiseln. Das Potenzial der Kunst im öffentlichen Raum liegt nicht in der Dekoration, sondern in der Irritation. Sie kann den Blick stören und neue Perspektiven auf das Vertraute schaffen. Sie kann zur Auseinandersetzung mit der Umwelt und mit sich selber führen. Auf diese Weise stärkt sie die Identifikation mit der eigenen Stadt. Kunst im öffentlichen Raum ist nicht nur politisch, weil sie im gemeinsamen Raum stattfindet, sondern weil sie den Dialog provoziert.

Das Potenzial der Kunst im öffentlichen Raum wird in Bern noch zu wenig genutzt, nicht nur in der Innenstadt, sondern vor allem auch in den Aussenquartieren. Am Kulturforum, das Anfang Jahr die Weichen für eine Kulturstrategie gestellt hat, wurde unter anderem der Ruf nach mehr Raum für Kunst laut. Weshalb stellen wir ihr nicht dort Kunsträume zur Verfügung, wo der Kontakt mit dem Publikum unmittelbar und ihre Präsenz für alle wahrnehmbar ist – im Park, auf einem öffentlichen Platz, im Quartier? Bern hat eine derart vielfältige Kulturszene, dass sich anbietet, ihr Flächen in der ganzen Stadt temporär zur Verfügung zu stellen. Im Gegenzug werden wir spannende Quartierplätze und Parkanlagen erleben, welche die Auseinandersetzung mit Kultur, aber auch mit der Ästhetik des öffentlichen Raums und somit der Stadt Bern als Lebensort fördern. Die städtische Fachkommission für Kunst im öffentlichen Raum (Kiör) könnte demnach zusammen mit Vertretern der Quartiere geeignete Standorte definieren – nicht für bleibende Werke, sondern für Interventionen während ein paar Wochen oder Monaten. Kunstschaffende könnten sich dann mit Projekten auf die ausgeschriebenen Standorte bewerben.

In allen Stadtteilen

Die finanziellen Mittel der Kommission für Kunst im öffentlichen Raum reichen für ein solches Vorhaben allerdings nicht aus, denn die Kunsträume sollten möglichst in allen Stadtteilen anzutreffen sein. Wir sollten deshalb die geplante Revision des städtischen Kiör-Reglements nutzen und das «Kulturprozent» bei Bauprojekten im Bereich Tiefbau und Stadtgrün nicht nur auf den wertvermehrenden Teil der Baukosten erheben, sondern auf die Gesamtkosten. Damit könnten wir der Kunst in der Öffentlichkeit Raum geben und sicherstellen, dass es Kunst ist, die sich im lärmigen Kontext Gehör verschaffen kann. Zum Beispiel, indem sie ganz leise ist.

Die Berner SP-Gemeinderätin Ursula Wyss ist Direktorin für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün. (Der Bund)

Erstellt: 30.04.2016, 11:39 Uhr

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