«Medizin wird in Zukunft weiblicher»

Huber Steinke, Direktor des Medizinmuseums Bern, sieht die Gesellschaft als zunehmend «medikalisiert».

Veraltete medizinische Geräte bekommen im Medizinmuseum ein zweites Leben: Direktor Hubert Steinke.

Veraltete medizinische Geräte bekommen im Medizinmuseum ein zweites Leben: Direktor Hubert Steinke.

(Bild: Adrian Moser)

Herr Steinke, Bern hat bereits ein historisches Museum. Braucht es ein Museum nur für Medizingeschichte? Wir nennen uns explizit Medizinmuseum und eben nicht medizinhistorisches Museum. Der historische Zugang ist wichtig, aber ebenso der Bezug zu heute. Wir wollen einen Raum der kritischen Reflexion schaffen und nicht bloss einzelne Stationen der Medizingeschichte abhandeln.

Die Finanzierung erfolgt grösstenteils durch die Inselspital-Stiftung. Ist das für die wissenschaftliche Unabhängigkeit nicht heikel? Dieser Anschein mag bestehen. Wir sind aber in der Ausgestaltung völlig frei. Die Grenzen sind durch den Raum und durch die Objekte gesetzt. Es ist auch im Interesse der Branche, den Diskurs zu fördern und Entwicklungen kritisch zu hinterfragen.

Der Standort beim Inselspital ist nicht gerade zentral. Wie wollen Sie die Leute hierher holen? Unsere Gesellschaft ist zunehmend «medikalisiert» – der Bereich der Medizin wächst und wird immer wichtiger. Ein Museum, das sich mit dieser Entwicklung kritisch auseinandersetzt, stösst sicher auf Resonanz. Wir sind trotzdem auf Werbung angewiesen. Unser Programm wird ergänzt durch Führungen und Vorträge, sodass wir verschiedene Personengruppen ansprechen können. Wir zählen zudem auf Schulen, die mit ihren Klassen hierher kommen und arbeiten mit Museumspädagogen zusammen, welche Vermittlungskonzepte speziell für Schulklassen entwickeln.

Wie wird sich die Medizin in den kommenden Jahren entwickeln? Abgesehen vom technologischen Wandel und der Digitalisierung sehe ich zwei langfristige Megatrends in der Medizin. Erstens die Personalisierung: Heute werden die gleichen Leiden bei ganz unterschiedlichen Patienten nahezu identisch behandelt. Ein Nasenspray ist für ein Mädchen ab acht Jahren anwendbar. Ebenso für einen übergewichtigen 80-Jährigen. Mit genetischen Screenings werden künftig Besonderheiten und Risiken der Patienten ausgemacht. Daran orientiert sich dann die Behandlung.

Und der zweite Trend? Das ist die Feminisierung der Medizin. Die Pflege ist seit jeher vor allem in weiblichen Händen. Das hat auch historische Gründe: Medizin war im Mittelalter in Klöstern verortet, meist waren Klosterfrauen für die Pflege zuständig. Beim Arztberuf ist das eine relativ junge Erscheinung. Der Job ist flexibler geworden, das hat sicher dazu beigetragen.

Behandeln Ärztinnen anders als Ärzte? Das kann man so nicht sagen. Umfragen zeigen aber, dass bei Frauen das Zwischenmenschliche und der Aspekt des Helfens für die Studienwahl ausschlaggebend sind. Bei Männern sind es eher finanzielle und technische Aspekte.

Der Bund

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