McGurten

Es ist allgemein bekannt, dass das Oberstübchen an Festivals untendurch muss. «Poller»-Kolumnist Martin Erdmann ist nicht bereit, das zu akzeptieren.

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Martin Erdmann@M_Erdmann

Entschuldigen Sie bitte meine Einfallslosigkeit, aber mir kommt wirklich nichts Besseres in den Sinn, als über das Gurtenfestival zu schreiben. Nach drei Tagen auf dem Hügel hat mein Denkvermögen wohl dermassen abgenommen, dass es nur noch das unmittelbar Zurückliegende bearbeiten kann. Wen wunderts? Schliesslich brannte einem dort oben die Sonne dermassen auf den Kopf, dass man befürchten musste, die warme Hirnmasse tropfe einem aus den Ohren, wenn man sein Haupt gelegentlich in Schieflage brachte.

Aber alles halb so wild. Es ist ja allgemein bekannt, dass das Oberstübchen an Festivals untendurch muss. Solange Ihre Denkkapazität noch reicht, um alle Strophen von Helene Fischers Schauerschlager «Atemlos durch die Nacht» abzuspeichern, sind Sie voll bei den Leuten. Ebendiese Leute gaben das fischersche Verbrechen jeweils lautstark bei der Talfahrt in der Gurtenbahn von sich. Das mag jetzt sehr subjektiv klingen, aber ich bin der festen Überzeugung, dass, wenn irgendwo Helene-Fischer-Songs angestimmt werden, das Niveau es der talwärts fahrenden Gurtenbahn gleichtut – es geht unweigerlich runter. Leider war das musikalische Level auf den Bühnen dieses Jahr oft nicht viel höher.

Sie denken jetzt bestimmt, Erdmann ist wieder einmal abgehobener als Jimy Hofer, wenn er mit seinem Helikopter für einen Gurtenrundflug in die Lüfte steigt. Mag sein. Dennoch bin ich der Ansicht, man sollte sich nicht dafür schämen, Ansprüche zu haben. Vielleicht fragen Sie sich nun, ob 78'000 Besucher denn nicht ein bestechender Qualitätsbeweis seien. Nein. Lassen Sie es mich mit folgendem Beispiel erklären: McDonald’s bedient in der Schweiz 290'000 Gäste pro Tag. Und wie viele Gault-Millau-Punkte hat der Fastfood-Riese nochmal? Na eben!

Grosser Besucherauflauf und strittige Qualität sind aber nicht das Einzige, was das Gurtenfestival und McDonald’s gemeinsam haben. Beide orientieren sich am Geschmack der Masse, ihr Angebot ändert sich dann und wann, bleibt aber eigentlich immer das gleiche, und beide wird es wohl noch lange geben.

Wieso sollte dann überhaupt an dieser Erfolgsrezeptur geschraubt werden? Wieso sollte der McGurten nicht einfach so bleiben, wie er sich in den letzten Jahren gab? Das ist natürlich eine Frage des Geschmacks, aber auch ein wenig der Ehre. Was in der Küche die Köche sind, sind an einem Festival die Booker. Die Ambitionen der Gurtenverantwortlichen sollten nun wirklich nicht beim musikalischen Bulettenwenden enden.

Bleibt zu hoffen, dass Gurten-Boss Philippe Cornu künftig bei der Menü-Zubereitung wieder öfter von abenteuerlichen Anfällen heimgesucht wird und den Mut zum Griff ins Gewürzregal aufbringt. Neue Düfte sollen vom Gurten strömen. Düfte, bei denen sich die einen die Nase zuhalten und den anderen das Wasser im Mund zusammenläuft. Hauptsache, es riecht nach etwas.

Martin Erdmann ist «Bund»-Onlineredaktor. Er hat sich Freitagnacht am Berner Bahnhof notfallmässig vier Cheeseburger gekauft und hatte beim Verzehr Helene Fischer im Ohr. Er spricht nicht gerne darüber.

Der Bund

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