Massiver Besuchereinbruch beim Berner Kammerorchester

Nie hat das Berner Kammerorchester in den letzten zehn Jahren weniger Eintritte verzeichnet als 2014. Gegenmassnahmen sind eingeleitet.

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2014 ist für das Berner Kammerorchester (BKO) ein Jahr zum Vergessen. Zumindest was die Besucherzahlen angeht. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Eintritte um mehr als die Hälfte eingebrochen. Das zeigt der jährlich erscheinende Controllingbericht über die subventionierten Kulturinstitutionen der Stadt Bern. Mit neuen Werbestrategien und programmatischen Anpassungen will Beat Sieber, Geschäftsleiter BKO, dem negativen Besuchertrend jetzt entgegenwirken. Wie die neusten Erhebungen nahelegen, scheinen die antizipierten Anstrengungen bereits Wirkung zu zeigen.

Weshalb die Musikliebhaber dem Berner Kammerorchester 2014 den Rücken gekehrt haben, weiss niemand. Mögliche Gründe ortet Sieber an unterschiedlichen Stellen. Etwa bei der Kaskade von Abgängen in der Geschäftsführung. Bevor Sieber ab August 2013 die Geschicke des BKO lenkte, gab es vier Wechsel in der Geschäftsführung innerhalb eines Jahres. «Dadurch ging die Kontinuität verloren», sagt Sieber. Er sei damals vor «vollendete Tatsachen» gestellt worden. Seitdem versuche er wieder Kontinuität ins BKO zu bringen. Ein weiterer Grund im Besucherrückgang ist grundsätzlicher Natur, wie Sieber sagt: «Es ist eine Tatsache, dass neue zeitgenössische Musik weniger Publikum anzieht als etwa eine Mozart-Aufführung.» Genau in diesem Bereich gab es gleich sieben Uraufführungen 2013 und 2014 – so viele wie sonst nie.

Chefdirigent sorgte für Rekord

«Der Besucherrückgang darf aber nicht nur mit dem Vorjahr verglichen werden», sagt Sieber. Im Vorjahr lief der Verkauf von 3066 Eintritten nämlich besonders gut. Dafür habe damals wohl der Einstand des neuen Chefdirigenten Philippe Bach gesorgt. Die Zahlen der letzten zehn Jahre zeigen aber auch: Noch nie haben so wenig Leute den Klängen des Berner Kammerorchesters gelauscht wie 2014.

Deshalb hat Sieber nun Gegenmassnahmen in die Wege geleitet: Weniger Uraufführungen, mehr Werbung, attraktivere Angebote. Pro Jahr ist jetzt nur noch eine Uraufführung geplant. Eine neue Preisstruktur ermöglicht es selbst kinderreichen Familien, für pauschal 50 Franken einer Vorstellung beizuwohnen. Inserate in Zeitungen des Berner Oberlands und dem Oberaargau sollen neues Publikum vom Land erschliessen. Und mit Präsenz in den sozialen Medien will man potenzielle Besucher für sich gewinnen. Kürzlich war in einer Facebook-Aktion der Eintritt gar gratis, wenn jemand im Schottenrock auftauchte. Mit dem aufgestockten Werbebudget scheint Sieber den Besucherrückgang zumindest aufgefangen zu haben. In der neusten Saison verzeichnete das BKO rund 100 Eintritte mehr. Auch die Zahl der Abonnenten ist mehr als um das Doppelte auf 68 angewachsen.

Subventionen bleiben

Bei der zuständigen Abteilung Kulturelles der Stadt Bern zeigt man sich über die Entwicklung der Zahlen ebenfalls besorgt. Der einmalige Einbruch sei aber kein Grund, die Subventionen zu kürzen. «Wir müssen zuerst klären, was die Gründe für den Rückgang waren», sagt Projektleiter Martin Müller. Solange der Leistungsvertrag eingehalten werde, gebe es keinen Grund, die Subventionen zu kürzen. Im Leistungsvertrag ist ein Besucherminimum von 1000 Personen festgeschrieben. Sollten die Zahlen aber weiter sinken, müsse man zu gegebenem Zeitpunkt trotzdem über die Bücher, so Müller.

Das Berner Kammerorchester wird von der Stadt Bern jährlich mit 100?000 Franken unterstützt. Durch das Wegbleiben der Besucher stieg der Anteil an Subventionen, welche die Stadt pro Besucher bezahlt (siehe Grafik). Angeführt wird die Grafik aber von anderen städtisch subventionierten Kulturinstitutionen. Beim Schlachthaus-Theater legt die Stadt pro Eintritt über 100 Franken drauf. Reitschule, Buskers-Festival oder Einsteinhaus erhalten hingegen nur einige Franken pro Besucher.

Weshalb diese Unterschiede? «Wir müssen kulturelle Angebote, die sich selbst zu finanzieren vermögen, nicht zusätzlich unterstützen», sagt Müller. Eine Theaterproduktion könne zudem niemals mit einem Einsteinhaus verglichen werden. Die Aufwendungen für ein Theater seien viel höher. Das Schlachthaus-Theater im Speziellen verfüge ausserdem über wenige Sitzplätze. Als Faustregel gilt gemäss Müller: «Angebote mit kleinerem Publikum sind auf grosszügigere Unterstützung der Stadt angewiesen.» Damit ermögliche man ein breites kulturelles Angebot – eine besondere Stärke der Kulturstadt Bern. (Der Bund)

Erstellt: 01.10.2015, 07:36 Uhr

Kulturförderung: Neues System

Mit dem neuen kantonalen Kulturförderungsgesetz (KKFG), welches 2013 in Kraft trat, wurden die Karten in der bernischen Kulturpolitik neu gemischt. 13 Kulturinstitutionen von regionaler Bedeutung werden jährlich mit 50,5 Millionen Franken pro Jahr unterstützt. Finanziert wird das Unterfangen von der Standortgemeinde, dem Kanton und den übrigen Umlandgemeinden. Der Kostenanteil der Regionsgemeinden liegt bei 12 Prozent. Die Regionalkonferenz Bern-Mittelland hat die Vierjahresverträge (2016–2019) mit den Kulturinstitutionen im März dieses Jahres gutgeheissen.
(msc)

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