«Manche erkennen sich im Spiegel nicht mehr»

Die Pflegefachfrau Andrea Egger betreut Menschen mit Demenz. Dies erfordert eine besondere Betreuung, aber keine Bevormundung.

Andrea Egger betreut Demenzkranke – mit Takt und Geduld.

Andrea Egger betreut Demenzkranke – mit Takt und Geduld. Bild: Adrian Moser

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Wer in der Pflege arbeitet, baut zu den Patienten eine Beziehung auf. Das ist am Arbeitsplatz von Andrea Egger nicht anders. Doch im Tageszentrum Schönberg in Bern gestaltet sich diese Beziehung anders – und komplexer. Die Menschen mit Demenz, die hier Gäste genannt werden, vergessen viel, zuweilen lösen bei ihnen nicht einmal die Gesichter ihrer Lebensgefährten oder Kinder ein vertrautes Gefühl aus. Es könne sogar noch weiter gehen, sagt die Pflegefachfrau: «Manche erkennen im Spiegel nicht einmal sich selbst.» Das macht die Arbeit mit Patienten noch anspruchsvoller. Wenn das Personal im Raum zu laut miteinander spreche, könne dies einige Gäste verstören, weil es sich wie Streit anhöre. Rede man zu leise, missverstünden sie es als «Chüschele» und dächten, man spreche über sie.

Der Verlust des Gedächtnisses und das eingeschränkte Bewusstsein zur eigenen Person führen zuweilen unter den Betroffenen zu Missverständnissen oder gar Streit. «Spricht einer ein Defizit bei einem anderen Betroffenen direkt an, reagiert dieser erzürnt.» Denn das eigene Unvermögen falle ihm nicht auf. Ähnlich wie bei Kindern zählten Barrieren und Konventionen nicht, die anerzogene Zurückhaltung sei verschwunden. «Man muss immer die Antennen eingeschaltet haben, um zu merken, wenn sich so etwas anbahnt.» Oft wünsche man sich Augen auf der Rückseite. «Man muss dann auf einfühlsame Weise einschreiten, um die Wogen zu glätten.»

Mächtige Kindheitserlebnisse

«Manche äussern den Wunsch, zu den Eltern nach Hause gehen zu dürfen», sagt die Pflegefachfrau, die sich in Gerontopsychiatrie weitergebildet hat. Die Erlebnisse der Kindheit gehörten zu den frühen und starken Eindrücken, darum seien sie immer noch wirkungsmächtig. «Viele verbinden damit Geborgenheit, Sicherheit und Wohlbefinden, selbst wenn nicht alles ideal war.» Singe man mit ihnen Lieder aus der Schulzeit, seien ihnen diese vertraut. «Sie singen mit und kennen den Text auswendig.» Die Erinnerung an das Mittagessen sei aber schon verblasst.

Egger sieht bei Menschen mit Demenz nicht zuerst das Defizit. Nicht selten würden Fähigkeiten und Vorlieben von früher wieder sichtbar. Jemand, der gut Klavier spielte, spreche gut an auf ein Klavierkonzert. «Aber nicht zwei Stunden lang, sondern nur zehn Minuten.» Chansons, Jazz oder Schweizer Volksmusik seien ebenfalls Musikstile, die gut ankämen. Und Hardrock? Egger schmunzelt: «Jetzt noch nicht.» In ein paar Jahren werde es aber sicher Gäste geben, die mit dieser Musik vertraut seien und sie hören wollten.

Umgang ist schwierig

Kürzlich habe ein Gast ein Mandala ausgemalt. Es sei eine Form, sich zurückzuziehen und eine eigene Welt zu gestalten. Eine andere Person habe ein prächtiges farbiges Bild angefertigt. «Sie behauptete, früher Kirchenfenster gemalt zu haben», sagt Egger, was aber nachweislich nicht stimme. «Die Aussagen mancher Menschen mit Demenz wirken manchmal sehr überzeugend.» Der Umgang mit der Krankheit ist schwierig. Familien sind nicht selten überfordert. «Angehörige versuchen oft, gegen aussen den Schein der Normalität aufrechtzuerhalten.» Irgendwann gehe es nicht mehr. Für Angehörige sei es eine enorme Entlastung, wenn sich die kranke Person im Tageszentrum aufhalte. So könnten die Angehörigen auch eigene Bedürfnisse erfüllen, denn sonst drehe sich das Leben fast ständig um den kranken Menschen. «Das Zusammenleben mit einem Menschen mit Demenz kann sehr anstrengend sein.»

Auch die Betroffenen leiden unter der Krankheit, schämen sich, wenn sie auf dem WC sitzen, ohne die Hosen heruntergelassen zu haben. Sie bemerken einen Fleck auf dem Pullover. Oder sie sind ungekämmt, weil sie meinen, sie hätten es erledigt, obwohl sie die Bürste nur angeschaut haben. «Wir thematisieren die Defizite nie direkt, sondern unterstützen die Menschen so beiläufig wie möglich.»

Zwischen den Mitarbeiterinnen des Zentrums und den Angehörigen gebe es einen entscheidenden Unterschied: «Sie wissen, wie der Mensch früher war, wir kennen ihn nur so, wie er sich uns heute zeigt.» Dies beeinflusse die Beziehungsebene stark. Merkt man, ob sich die Gäste wohl fühlen? «Ja, sie wissen zwar unsere Namen und Funktion nicht, aber wenn sie sich erkannt fühlen, vertrauen sie uns.» (Der Bund)

Erstellt: 22.01.2018, 06:32 Uhr

Zahl der Betroffenen wird zunehmen

Etwa 144'000 Menschen mit einer Demenz leben in der Schweiz – 9 Prozent der über 65-Jährigen sind betroffen und rund 40 Prozent bei über 90-Jährigen. Man schätzt, dass die Zahl bis 2040 auf 300 000 ansteigen könnte. Substanzielle Fortschritte in der Prävention oder bei der Heilung sind derzeit nicht absehbar.

Im Zentrum Schönberg leben in Wohngruppen und Wohnbereichen an die 100 Personen. Im Tageszentrum werden 10 Personen betreut, sie kehren abends zu den Angehörigen zurück. Auf dem Dach des Gebäudes, das wie ein Lärmabschirmriegel entlang der Autobahn A 6 erbaut worden ist, befindet sich ein Demenzgarten.

Mit einigen Patienten unternehmen die Betreuungspersonen Spaziergänge im Quartier. Die Gäste des Tageszentrums können kreativ tätig sein: Sie zeichnen, hören Musik oder Erzählungen, nehmen an Bewegungs-, Spiel- und Gesprächsrunden teil oder kramen in alten Erinnerungen. Manche betätigen sich in der Küche. Es ist aber auch jederzeit erlaubt, nichts zu tun oder auch nur zuzuhören. Dem Team sei es wichtig, die Menschen gut zu betreuen, ohne sie zu bevormunden, sagt die Pflegefachfrau Andrea Egger. (mdü)

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