«Maitle» tatschen an der Füdlifasnacht

«Poller»-Kolumnistin Hanna Jordi über sexuelle Übergriffe an der Fasnacht und warum Idiotie nichts mit Kultur zu tun hat.

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Hanna Jordi

So viel ist zu tun! Es müssen Schnitzelbank-Pointen gefeilt, Fettteilchen ausgebacken und Konfettirondellen ausgeschnitten werden, bevor ab Donnerstag wieder die Fasnacht stattfinden kann. In Luzern gehört zu den allgemeinen Fasnachtsvorbereitungen seit neustem bekanntlich auch ein Gepflogenheitskurs für Asylbewerber. Nicht, dass sie während der enthemmten Tage auf falsche Ideen kommen: Nur, weil eine Frau als sexy Krankenschwester verkleidet ist, möchte sie nicht automatisch zur Vitalzeichenkontrolle schreiten. Solchen Missverständnissen gilt es vorzubeugen.

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Im Faltblatt, welches von den Behörden abgegeben wird, zeigt eines der Piktogramme auf, dass Schweizer Frauen nicht gerne von Fremden angetatscht werden. Im Kosmos der Lebenstipps ist dieser Tipp ein wahres Zentralgestirn: Auch nach langem Studieren kommen mir keine Vertreter anderer Nationen oder Geschlechter in den Sinn, denen das Angetatschtwerden durch fremde Menschen ein inneres Bedürfnis ist. Dieser Tipp ist ein richtiger Universaltipp. Man könnte gar so weit gehen, ihn in Bussen, Grundschulaulen und universitären Versäuberungsanstalten an die Wände zu pinnen, so allgemeingültig ist er: «Körperkontakt findet nur zwischen Menschen statt, die sich kennen. Und es müssen beide einverstanden sein.»

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Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist durchaus verdienstvoll vom Kanton Luzern, den Neuankömmlingen hiesige Bräuche näherzubringen. Mithilfe solcher Kampagnen wird man nicht zuletzt auch den letzten Rest Zweifel ausräumen: Wenn sexuelle Übergriffe dennoch geschehen, an der Fasnacht oder anderswo, dann hat das in den seltensten Fällen etwas mit Unverstand oder kulturellen Unterschieden zu tun, sondern in aller Regel mit einer Mischung aus Idiotie und Verschlagenheit. Kurz: Gegen miese Arschlöcher hilft auch ein Flyer nicht.

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Das soll nicht heissen, dass Aufklärungsflyer keine Berechtigung haben, im Gegenteil. Auch für manch andere Schweizer Bräuche wären sie hilfreich. Oder sind Sie mit der Ostschweizer Beizenfasnacht vertraut? An der Beizenfasnacht dekorieren Wirte mit entsprechender Bewilligung ihre Lokale aus. Es wird unterschieden zwischen «teildekorierten» und «volldekorierten» Lokalen. In den «teildekorierten» Lokalen hängen Papierschlangen von der Decke. In den «volldekorierten» Lokalen dagegen gibt es dazu noch lauter Frauen in Unterwäsche. Es hat sich, und hier berufe ich mich auf das «St. Galler Tagblatt», folgendes Bonmot geprägt: «Wir gehen Dekorationen anfassen». An der «Füdlifasnacht» gibt es Lokale, die sich auf der Homepage als «Restaurant für Jung und Alt» beschreiben, aber während der Fasnacht zur Nacktzone werden. Vom Tischset zum Tabledance sozusagen.

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Jetzt: diverse Probleme. Ganz grundsätzlich etwa der Fakt, dass Frauen als Dekoration gehandelt werden. Aber das ist auf eine derart langweilige Art haarsträubend, dass man den Versuch, irgendwem dafür die Schuld zu geben, lieber gleich bleiben lässt. Die Werbung, das Patriarchat oder die klimatischen Verhältnisse im Rheintal – suchen Sie sich Ihren Favoriten aus. Das andere Problem ist, dass das Problem selbst allmählich Probleme kriegt. Und zwar sind immer weniger Beizer bereit, den Aufwand der Volldekoration auf sich zu nehmen. Viele rekrutieren die zusätzlichen «Maitle» eigenhändig vor Ort, in Polen, Ungarn oder Deutschland. Das kostet Zeit. Neben den Papierschlangen muss der Wirt dann Löhne berappen, sodass er locker bis zu 10'000 Franken investiert – mit offenem Ausgang. Denn die Gäste kommen nicht mehr so zahlreich wie noch in den 80ern. Manche Beizer geben dem Internetporno die Schuld. Fast alle sind sich aber einig: Binnen zehn Jahren wird es keine Füdlifasnacht mehr geben.

Es ist wohl Fakt: Es gibt Bräuche, die sind so unfassbar gut, dass man sie zur Erinnerung ins Strafgesetzbuch geschrieben hat. Und dann gibt es andere, die erledigen sich früher oder später einfach von selbst.

Hanna Jordi leitet das Online-Ressort des «Bund» und hat erst kürzlich gelernt, dass es einen Unterschied zwischen Beizenfasnacht und Fasnachtsbeizen gibt. Letztere sind die mit den Guggen.

Der Bund

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