Mändus Weihnachten

«Poller»-Kolumnist Peter Schibler über das Leben von Single Mändu F. während den Feiertagen.

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Zu den vielen Bernerinnen und Bernern, die eher im Verborgenen wirken, aber dennoch etwas zur Welt beitragen, ohne welches selbige nicht selbige wäre, gehört Mändu F., eingetragener Single. Die latente Frage, auf welche Weise partnerlos lebende Zeitgenossen wie er Feiertage wie diese verbringen, und die in manchen Köpfen herumgeisternde Vorstellung, dass Singles über Weihnachten und Silvester regelmässig von Anfällen einsamer Trübsal heimgesucht würden, die sie nur unter Mitwirkung vergorener Getränke überstehen: All diese irrigen Eindrücke und Vorurteile zurechtzurücken, lässt Mändu F. uns an dieser Stelle exklusiv an seinem derzeit vorliegenden Alltag teilhaben.

Den Heiligen Abend zum Beispiel verbrachte Mändu also ungestört alleine, switchte zuerst zu einem Flammkuchen ein wenig auf den Fernsehkanälen herum, entschloss sich dann aber in Anbetracht des Programms, doch lieber in einem Buch zu lesen (Manuel Mujica Lainez: «Der Skarabäus» ). Als er gegen Mitternacht müde genug war, konnte er problemlos zu Bett gehen, weil er ja nicht noch einen Anruf von irgendwelchen Schwiegereltern aus Frankfurt oder Mailand oder wo abwarten musste, die um drei Uhr früh ihre Ankunft zu Hause bestätigen: «Es ist alles gut gegangen! Und nochmals vielen Dank für das üppige Mahl! Vater ist es schon ein bisschen weniger schlecht.»

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Mändu fand einen ruhigen und ungestörten Schlaf. Das Allerbehaglichste im Nachtleben eines Singles ist für ihn die Vorstellung, jederzeit grundlos aufstehen zu können, ohne dass eine schlaftrunkene Stimme unter der Bettdecke hervor ruft: «Was willst du? Wie? Was?! Einfach so spazieren gehen? Spinnst du? Es ist halb vier!» Oder, noch schlimmer: «Warte, Schatz! Ich komme mit!»

Auch für den anschliessenden Weihnachtstag hatte Mändu F. kein Programm. Wahrscheinlich, dachte er vorgängig, würde er einfach liegen bleiben, da ja keine Kinder ihn um sechs Uhr in der Früh wecken würden, um ihm vorzuführen, was sie mit dem neusten Computerspiel schon alles anstellen können oder wie sie die von Onkel Heiri geschenkt erhaltenen Trommeln und Trompeten schon selbdritt beherrschen. Mändu würde infolgedessen am Weihnachtsnachmittag auch keine stundenlangen Wanderungen mit Nachwuchs planen müssen, damit Letzterer wenigstens an diesem einen Abend zeitig Ruhe gibt.

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Dieweil ihr, liebe um Mändu F. besorgte Nicht-Singles, hier an dieser Stelle also zwischen Kinderbetreuung und Last-minute-Einkaufsstress vielleicht gerne in aller Ruhe «nur ein einziges Mal!, nur für kurze fünfzehn Minuten einmal!» in Ruhe einen «Poller» lesen möchtet, ist Mändu F. aber vielleicht auch schon zwecks Abfeiern des Jahreswechsels spontan, aus einer plötzlichen Laune heraus, unterwegs nach New York oder Rio oder Tokio.

Das wahrscheinlichste Szenario, liebe Pärchen, ist freilich, dass ihr Mändu F. am Silvester oder Neujahr oder Bärzelistag nachmittags irgendwo begegnet, wo alle andern dann auch unterwegs sind, also irgendwo am Aareufer oder auf dem Fussweg zum Gurten hinauf, und dabei wird es aber eher nicht so sein, dass er bei eurem Anblick denkt: «Ach, ich armer, ratloser Single! All diese glücklichen Pärchen haben jeweils ein Programm über die Festtage.» Möglich ist hingegen, dass ihr bei seinem Anblick denkt: «Ach, wir armen, ratlosen Pärchen! All diese Singles können über die Feiertage jeweils machen, was ihnen gerade einfällt.»

Peter Schibler ist nicht eingetragener Single in Bern-Nord, jasst am Silvester bis 22 Uhr und geht anschliessend schlafen.

www.derpoller.derbund.ch

Der Bund

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