Madame Zybach en marche

Der Berner Marsch versetzt die Kantonspolitiker in Aufruhr: SP-Grossrätin Ursula Zybach, bald höchste Bernerin, blieb bisher beim Ertönen des Marschs sitzen. Nun knickt sie ein – und steht doch auf.

Der Berner Marsch beschäftigt nicht nur Musikgesellschaften – sondern auch immer wieder die Politik.

Adrian Schmid@adschmid

Träm, träm, träderidi: Der Berner Marsch sorgt wieder einmal für Aufregung. Es geht um SP-Grossrätin Ursula Zybach aus Spiez. Sie ist Vizepräsidentin des Kantonsparlaments, in drei Wochen wird sie zur höchsten Bernerin gewählt. Zudem bewirbt sie sich parteiintern um die Nachfolge von Regierungsrätin Barbara Egger. Als der Berner Marsch in Thun an der Feier des aktuellen Grossratspräsidenten Carlos Reinhard (FDP) gespielt wurde, standen alle Gäste auf – nur Zybach blieb sitzen. Viele Ratskollegen, nicht nur bürgerliche, empfanden dies als Affront.

Zybachs Verhalten sei «völlig respektlos», sagt der Stadtberner SVP-Grossrat Thomas Fuchs. Beim Marsch handle es sich um eine bernische Tradition. Wenn dieser ertöne, gehöre es sich aufzustehen. Bei der SVP erheben sich alle, der Marsch erklingt vor jeder Delegiertenversammlung der Kantonalpartei. Jemand, der sitzen bleibe, sagt Fuchs weiter, sei für das Grossratspräsidium «ungeeignet». Droht dem Kanton Bern eine Staatsaffäre?

Keine Empfehlung der Regierung

Im Gegensatz zum Schweizerpsalm ist der Berner Marsch keine offizielle Hymne. Gespielt wird er nicht nur an SVP-Versammlungen oder Feiern der Grossrats- und Regierungspräsidenten. Der Marsch schallt auch vor jedem Heimspiel des SC Bern durchs Stadion. Früher bekam man ihn auch an der Eröffnung der Frühlingsmesse BEA zu hören. Im Anschluss wurde der geladenen Prominenz im Simmentalerhof Berner Platte serviert.

Selbst Ursula Zybach findet die Melodie des Berner Marschs «sehr schön», wie sie sagt. Mühe hat sie mit dem Text. «Ich will nicht unsere Buben in den Krieg schicken», sagt sie. Über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete sie vorgestern einen Auszug: «Bis zum Tod muess gstritte sy! Üser Buebe müesse säge: Sie sy gstorbe üseretwäge!» Für Zybach ist das «heftig». Den Text, sagt die 50-Jährige, habe sie schon als Kind kennen gelernt. Er wurde ihr von ihrem Vater gezeigt. «Er regte sich jeweils auf, wenn alle aufstanden.» Daher habe sie sich auch nie erhoben.

«Es bereitet tatsächlich grösste Schwierigkeiten, zum Text des alten Liedes zu stehen», schrieb Grossrat Ernst Eggimann (GFL) – in einem Vorstoss aus dem Jahr 1990. Eggimann wollte damals vom Regierungsrat wissen, ob man beim Berner Marsch aufstehen solle oder nicht. Dies führte zu einer heiteren Debatte im Parlament. Der Regierung war die Antwort gerade einmal zwei Sätze wert: Sie stelle fest, dass es sich nicht um eine Hymne handle. Und es könne nicht Sache des Regierungsrats sein, Weisungen für den Ablauf von Veranstaltungen respektive für das Verhalten beim Abspielen des Berner Marsches herauszugeben. Oder anders gesagt: Die Regierung gab keine Empfehlung ab (siehe Artikel zum Thema).

Wie verhält sich nun die künftige Grossratspräsidentin? Zybach will «keine grosse Geschichte» daraus machen, wie sie sagt: Wenn der Marsch ertönt, wird sie aufstehen. Als dieser kürzlich beim Jubiläumskonzert des Musikvereins Spiez gespielt wurde, erhob sie sich erstmals. «Ich möchte als Grossratspräsidentin niemanden verletzen», sagt Zybach. Wenn sie aufstehe, mache sie das als Amtsinhaberin – auch wenn sie nicht mit der Seele dabei sei. «Als Grossratspräsidentin vertrete ich die Bevölkerung des ganzen Kantons, deshalb ist mein persönliches Befinden von untergeordneter Bedeutung.» Zudem sei es zu aufwendig, allen die Gründe für das Sitzenbleiben zu erklären.

Zybach will einen neuen Text

Den Text kennen ohnehin nur die wenigsten. Der Berner Marsch wird in der Regel gespielt und nicht gesungen. Zybach hat den Marsch auch nicht aus dem Programm ihrer Feier gestrichen, die im Juni nach der Wahl zur Grossratspräsidentin in Spiez stattfinden wird: «Der Berner Marsch wird bei meiner Ankunft gespielt, sodass ich mich nicht extra erheben muss.» Darüber hinaus will sich Zybach «auf privater Ebene» dafür einsetzen, dass der Berner Marsch einen neuen Text erhält. «Wir brauchen eine Hymne, auf die man stolz sein kann», sagt Zybach. Einen neuen Text forderte schon 1999 die damalige SP-Grossrätin Elisabeth Gilgen-Müller, ihr Vorstoss wurde abgelehnt.

SVP-Grossrat Fuchs stört sich nicht am Text. Es handle sich um einen «historischen Text», sagt er, und im Übrigen sei auch die Internationale nicht besser. Dort heisst es etwa: «Auf zum letzten Gefecht!» Für Fuchs ist der Fall erledigt, wenn Zybach als Grossratspräsidentin beim Berner Marsch aufsteht. Er geht aber davon aus, dass die Angelegenheit sie bei der Wahl zur Grossratspräsidentin «ein paar Stimmen» kosten wird.

Der Bund

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