Luxus ab Fliessband

Reportage

Erstmals gewährt Omega einen Einblick in die Hightech-Produktion von Uhrwerken im Berner Jura.

Die Produktionsräume von Omega im Berner Jura. (zvg)

Die Produktionsräume von Omega im Berner Jura. (zvg)

Adrian Sulc@adriansulc

Die fünf Tröpfchen Öl sind so klein, dass man sie von blossem Auge nicht sehen kann. Die Uhrmacherin platziert sie auf fünf Zähnen des Zahnrädchens, das knapp einen Zentimeter misst. Das Öl wird sich nach einigen Umdrehungen verteilt haben und dafür sorgen, dass das Zahnrädchen mindestens zehn Jahre lang wie geschmiert läuft.

Das Zahnrädchen ist Teil des Omega-Uhrwerks 8500, des ganzen Stolzes der Bieler Luxusuhrenmarke. Denn das mechanische Uhrwerk mit automatischem Aufzug ist das erste, das Omega nach den Dekaden der Uhrenkrise wieder in Eigenregie herstellt. 2007 startete die Produktion im bernjurassischen Saint-Imier – am Sitz der ebenfalls zum Swatch-Konzern gehörenden Marke Longines. Obwohl Omega wie Swatch den Hauptsitz in Biel hat, sind dort für die Uhrwerkproduktion keine Räumlichkeiten vorhanden. Dereinst soll sie aber in den dort geplanten Anbau ziehen.

Gut gesichert und bisher von den Blicken der Öffentlichkeit streng geschützt, laufen in Saint-Imier jährlich mehrere 100 000 Uhrwerke vom Band. Dies in einer Produktionsstätte, in deren steriler Atmosphäre, so scheint es, auch Marsroboter hergestellt werden könnten. Von der frühindustriellen Uhrenromantik des Jurabogens ist heute nicht mehr viel zu spüren.

Ein Puzzle aus 202 Teilen

Man hört nur das Surren der Roboterarme und die Lüftung. Die Uhrmacherinnen und Uhrmacher – unter ihnen viele Junge – arbeiten still und konzentriert. Eine Mitarbeiterin legt die nackten Böden der Uhrwerke in kleine Plastikschlitten und diese dann auf das schmale Fliessband. Dank einem Chip im Schlitten wird das System jederzeit wissen, wie viele der insgesamt 202 Teile des Uhrwerks bereits montiert sind.

Dann geht die Reise los: Der Uhrwerkboden fährt in seinem Schlitten die sechsarmige Produktionsstrasse ab. Das Fliessband läuft quer durch die Pulte der Uhrmacher. Jeweils ein Uhrwerk wird vom Band hinauf auf die Arbeitsfläche gefahren. Der Uhrmacher führt seine Arbeitsschritte aus, ohne das Werk in die Hand nehmen zu müssen und so eventuell ein Zahnrad zu verrücken.

Das Omega-Kaliber 8500 sowie die kleinere Damenversion 8520 funktionieren mit einem neuartigen Mechanismus, der sogenannten Co-Axial-Hemmung. Omega hat die Erfindung des britischen Uhrmachers George Daniels in den 1990er-Jahren industrialisiert und seither bis zum aktuellen Werk weiterentwickelt. Der Vorteil des Werks ist die vergleichsweise geringe Reibung im Innern. Denn die stetige Bewegung in einem Uhrwerk nützt die Kleinteile ab und verbraucht das Schmieröl.

Bereits heute wird die Mehrheit aller Omega-Modelle mit den neuen Werken aus Saint-Imier bestückt – dereinst sollen es alle mechanischen Uhren sein.

Preis: 3000 bis 120 000 Franken

Zehn Jahre, so lange müssen die reibungsarmen Uhrwerke ohne Service laufen – dies ist die Vorgabe, die sich Omega selbst gegeben hat und die in der Branche für Aufsehen sorgte. «Besser sein als Rolex», lautet die interne Devise. Genauer als eine (batteriebetriebene) Quarzuhr ist jedoch auch die präziseste mechanische Uhr nicht.

Trotzdem findet Omega genügend Käufer für ihre Uhren. Die günstigste Omega mit mechanischem Werk aus St. Imier kostet knapp 3000 Franken – die teuerste, eine diamantenbesetzte, gibt es gemäss Preisliste für 120 000 Franken.

Mit einem elektrischen Schraubenzieher, welcher eher wie der Bohrer eines Zahnarzts aussieht, und mit Schrauben, kaum grösser als ein Sandkorn, fixiert der Uhrmacher die montierten Teile. Bei Zwischenstationen bringen hochpräzise Roboter weitere Schrauben an, spritzen einige weitere Nanoliter Öl auf Achsen und Rädchen. Ein anderer Roboter testet an zehn Stellen des halb fertigen Uhrwerks, ob die Teile genügend fest, aber nicht zu fest verschraubt sind. Der Chip im Plastikschlitten speichert die Abweichungen. Entsprechend nachgezogen oder gelockert werden die Schrauben an der nächsten Arbeitsstation von Hand.

Die 202 Einzelteile werden von verschiedenen Unternehmen der Swatch-Gruppe hergestellt. Alleine das Schwungrad, genannt Unruh, kostet Omega 130 Franken pro Stück.

Vom Umsatz gibts nur Schätzungen

Ganz in der Tradition der verschwiegenen Uhrenbranche nennt die Swatch-Gruppe für ihre Töchter keine separaten Zahlen. Omega gilt gemeinhin aber als umsatzmässig grösste Tochter im Konzern, der letztes Jahr 6,1 Milliarden Umsatz machte und damit der weltweit grösste Uhrenhersteller ist. René Weber, Analyst der Bank Vontobel, schätzt für das vergangene Jahr einen Omega-Umsatz von rund 1,7 Milliarden Franken. Wie die ganze Gruppe kam auch Omega fast ohne Probleme durch die Krise.

In Biel baut Omega das fertige Uhrwerk später ins Gehäuse ein, dann folgt das Armband. Doch vorher wird jedes der Werke zur Prüfstelle COSC gefahren, wo es zwei Wochen lang in allen Lagen auf Herz und Nieren gestestet wird.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt