Lob für Heilsarmee-Karabiner

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler geniesst die süssen Klänge der Heilsarmee unter den Berner Lauben.

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Gegendarstellung! Gegendarstellung? Sicher nicht. In diesem Gefäss darf jeder seine Meinung sagen, denn es ist als persönliche Meinung gekennzeichnet. Das machen meine Kollegen so – «Poller»-Kolleginnen gibts leider derzeit keine –, und ich tue es auch. Zum Leidwesen mancher Leserinnen und Leser, gewiss, aber auch zur Freude einiger weniger, das darf man doch auch einmal sagen. Der eine Kollege hat die Leserschaft letzthin auf einen Bummel durch Berns Weihnachtsmarkt mitgenommen und en passant einige böse Bemerkungen fallen lassen. Das macht Spass, was ich aus eigener Erfahrung weiss.

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Und doch sind wohl einige betupft. In der Adventszeit mit den vielen Lichtern ist die Hornhaut auf den Seelen dünner als sonst, wir reagieren empfindlicher und fühlen uns schneller verletzt. Keineswegs will ich Ihnen die Arbeit des Protest-Leserbrief-Schreibens abnehmen, denn unser Blatt muss seine Spalten auch über die ereignisarmen Festtage vollkriegen, doch halte ich hiermit fest, dass mir der Seitenhieb gegen singende Heilsarmisten nicht so behagte. Zugegeben, es sind recht altmodische Lieder, die sie vortragen, keine hippen Gassenhauer. Und ehrlich gesagt gefallen mir die Brassband-Klänge der blasenden Formationen auch besser, auf diesem Gebiet sind sie echt gut. Aber an der Heilsarmee ist fast alles altmodisch, wenn man ehrlich sein will: der Name, die Uniform, die freikirchliche Theologie und die Zeitschrift, die bis 2007 tatsächlich «Kriegsruf» hiess. Die scheinbar unverrückbare Corporate Identity hat einen grossen Vorteil: Jeder und jede weiss, was die Heilsarmee ist. «Die machen wenigstens etwas», sagen auch Kirchen- und Religionsferne.

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Allen ist bekannt, dass diese scheinbar biederen Leute den Mumm haben, ihr Schriftgut in sinistren Kneipen zu verteilen, Obdachlosen Brot und Zuwendung geben, Einsame an den Festtagen zu einer Feier mit gutem Essen einladen, dann, wenn fast alle anderen einzig und allein ihre eigene Familie zelebrieren (die ihnen an Weihnachten womöglich noch mehr auf den Nerv geht als übers Jahr). Die Salutistinnen und Salutisten nehmen sogar frei, wenn sie nicht pensioniert sind, um sich bei Wind, Nebel, Kälte und Schneefall die Beine vor dem Spendentopf in den Bauch zu stehen. Das soll ihnen erst einmal jemand nachmachen. Oder wie es auf dem aktuellen Werbeplakat zu sehen ist: Ein Heilsarmist hält seine Gitarre, im Volksmund Heilsarmee-Karabiner genannt, schützend über einen – sagen wir es so – Penner, damit er nicht im Regen sitzt.

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Vielleicht gibts das alles in ein paar Jahren nicht mehr, denn auch die Heilsarmee hat nicht mehr die gleichen Mitgliederzahlen wie vor Jahrzehnten. Dann werden die Älteren ihren Kindern und Kindeskindern sagen: «Wisst ihr, das war früher noch schön, als die Heilsarmee gesungen und gespielt hat. Dieses hektische Shopping allein ist doch eigentlich ziemlich fade.» Es wird dann noch schwieriger, das Glitzer-Lametta-Getue mit der so gar nicht weihnächtlichen Weltlage unter einen Hut zu bringen. Oder können Sie in aller Ruhe ihre Weihnachtsgans verdrücken, wenn Aleppo samt den verbliebenen Menschen plattgemacht wird? Das kann zwar auch die Heilsarmee nicht verhindern, doch sie erinnert uns daran, dass es noch andere Werte gibt als Konsum und Kaufrausch. Und noch ein Nachtrag aus aktuellem, traurigem Anlass: Vielleicht werden sich nach dem infamen Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt manche Veranstalter fragen, ob solche Märkte noch auf diese Weise durchführbar sind, an prominenten Stellen und ohne Polizeiaufsicht und Schutz durch starke Poller im Boden. Dann wird man sich vielleicht der Weihnachtsmärkte entsinnen und sagen: «Sie waren kitschig, aber halt doch irgendwie schön.»

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler hat ein Faible für Angehörige der Heilsarmee, die sich bei der Topfkollekte in der Kälte die Beine in den Bauch stehen. (Der Bund)

Erstellt: 21.12.2016, 06:53 Uhr

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