Lizz Lottas medialer Klapf

«Poller»-Kolumnist Peter Schibler musste feststellen, dass nicht alles was lange währt auch endlich gut wird.

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Zu den vielen Bernerinnen und Bernern, die eher im Verborgenen wirken, aber dennoch etwas zur Welt beitragen, ohne welches selbige nicht selbige wäre, gehört Liselotti K. aus 3349 Gmerkigen, Kunst schaffendes Genie (bildende Sparte).

Gmerkigen ist (oder aus heutiger Perspektive: war damals) ein kleines Dorf an der Peripherie des Kantons Bern, und hier, in einem eben erst fertig gebauten Einfamilienhaus mit viel Geranien hinter schmiedeeisernem Geländerwerk, wuchs Liselotti in den 1950er-Jahren wohlbehütet als älteste von drei (wie damals noch empfehlenswert: gemeinsamen) Töchtern ihrer Eltern auf. (Spätgeborene weisen wir an dieser Stelle ausserdem darauf hin, dass viele Telefone damals noch an der Wand befestigt waren und sich beispielsweise zum Fernseh-Lugen die Interessierten sporadisch – und vorangemeldet – im Doktorhaus einfinden mussten, weil es erst dort einen einschlägigen Empfänger gab. Und den paar Autos, die damals durch Gmerkigen fuhren, winkten die meisten Passanten alben noch nach.)

Doch nun zur Anamnese von Liselottis künstlerischer Laufbahn: Derewä schöne Sonnenblumen (Neocolor auf Papier, 29,7 auf 21 cm) wie es habe noch keins gemalt, hatte Fräulein Hügli seinerzeit also gesagt, und immerhin war Luise Hügli damals schon seit über dreissig Jahren Lehrerin in Gmerkigen. Und: Ihr Liselotti sei ja fast ein kleiner van Gogh!, sagte Fräulein Hügli zu Liselottis Mutter, die zwar nicht recht wusste, was damit gemeint sein könnte, aber jedenfalls kaufte sie ihrer Tochter auf Anraten der Lehrerin nun die 48er-Schachtel neumödische Neocolor und grössere Blöcke, und Liselotti malte und malte, und das ganze Dorf sagte «Ah!» und «Oh!» vor den aufgehängten Bildern an den Schulexamen.

Und dann meldete sich aber, parallel zu den 1968er-Umbruchjahren, die Pubertät, Liselotti schmetterte eines aufgeladenen Tages seine Neocolor vor dem Schulhaus unter den entsetzten Blicken von Fräulein Hügli auf den Pausenplatz und stampfte auf ihnen herum (heute liefe das unter Performance), kaufte sich alsbald eine Gitarre, imitierte (bis 1970) Janis Joplin, wuchs so vom erkannten Genie zum verkannten und entwickelte mit der Zeit das einschlägige exzentrische und Klischees bedienende Vollbild.

Heute, aufs siebzigste Lebensjahr zugehend, malt Liselotti wieder, aber nicht mehr Sonnenblumen, sondern Kategorie verstümmelte Katzen, nennt sich Lizz Lotta, geniesst die Antipathie des (immer noch ländlich geprägt grossen) tierliebenden Teils ihres Dorfs und schimpft über die kulturelle Enge in der Schweiz, denn schliesslich war der Name Lizz Lotta bisher nur im Umkreis von drei, vier Kilometern geläufig. Bisher! Denn seit einem Wochenende vor kurzem ist nun einiges anders: Am Gmerkiger Sängerfest ging Lizz zum Podium, als der Gemeindepräsident grad eine Rede hielt, kläpfte ihn vor laufender Lokal-TV-Kamera und sagte später in selbige hinein, dies sei ihr künstlerischer Protest gegen Präsident Trump, der viel schlimmer sei als sie mit ihrem Klapf!, und sie wolle damit die Verlogenheit der Welt, speziell der Medien, aufzeigen. Also irgendwie. Oder so.

Natürlich hätte es Lizz Lotta begrüsst, wenn ausser dem Lokalfernsehen auch ein wichtigeres Onlineportal oder soziales Netzwerk oder zmingscht noch eins der verbliebenen Printmedien nachgezogen hätte oder wenn der Chefredaktor des vor Ort filmenden Regionalsenders einen seiner gequälten So-nicht!-Kommentare nachgelegt hätte, aber den ersten kleinen Durchbruch hat Lizz Lotta immerhin geschafft. Jetzt nur noch auf Twitter anecken und randalieren, gell, Liselotti.

Peter Schibler ist Senior Columnist und Schreibstübeler in Bern und twittert aber selber nicht.

www.derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 13.09.2017, 06:49 Uhr

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