Liebes Hirn,

«Poller»-Kolumnistin Gisela Feuz will einen Ohrwurm loswerden.

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ihr würde dieses «079» dermassen auf den Zeiger gehen, das könne man sich gar nicht vorstellen. Und dann laufe dieser Seich auch noch immer überall und würde sich so tief in den Hirnwindungen einnisten, dass er da nie mehr rauskäme beziehungsweise eben ständig rauskäme. Ein richtig hinterfotziger Sauhund von einem Ohrwurm sei das. So in etwa die Rede, zu welcher Frau Feuz’ Jassgspändli während eines Coiffeurs ansetzte. Das Gspändli redete sich furchtbar in Rage über den neuen Sommerhit von Lo & Leduc und verschoss darob im falschen Moment gar ein Zäni. Die Kontrahenten freuten sich über die Punkte und pflichteten der Brandrednerin bei, derweilen sich Frau Feuz ein bisschen schämte, weil ihr «079» so gar nichts sagen wollte.

Zu Hause wurde dann die musikalische Wissenslücke gestopft. Für alle, die bis anhin ähnlich ignorant durchs Leben marschiert sind wie Frau Feuz: Es geht im Song «079» von Lo & Leduc um einen jungen Mann, der jeden Tag bei der Auskunft anruft, weil er eine Dame, die dort arbeitet, ziemlich gut findet. Die Dame ist gewillt, ihm jede Nummer zu geben, nur nicht die eigene. Irgendeinmal lässt sie sich dann doch partiell erweichen und rückt ihre Vorwahl heraus – eben 079. Der Mann muss jetzt nicht mehr 10 Milliarden mögliche Nummern abtelefonieren, sondern nur noch 10 Millionen, was er in den folgenden 6,5 Jahren auch tut. Am Schluss bleibt dann nur noch eine einzige Nummer übrig. Just in dem Moment, als am anderen Ende der Leitung eine Stimme erklingt, kommt der Mann unters Tram.

So weit, so gut. Oder ungut. Als Frau Feuz am nächsten Morgen nämlich mit Brummschädel erwachte – Jassen ohne Alkoholika ist ja in etwa wie Aarebaden im Rhein: Geht schon, aber ungern –, jedenfalls, als ich am nächsten Morgen erwachte, hast du dich dann lautstark zu Wort gemeldet, gell, liebes Hirn. «Gäb si mir wenigschtens d Vorwau, per favore», sangst du eins ums andere Mal. Zuerst war ich erfreut, weil ich dachte, ich hätte über Nacht Italienisch gelernt. Als du dann aber nach dem dritten Kaffee immer noch nichts anderes als «079 het si gseit» zustande brachtest, gingst du mir ehrlich gesagt ein bisschen auf den Keks.

Eine Gruppe von Psychologen der Goldsmith-Universität London haben erforscht, was es mit Ohrwürmern genau auf sich hat. Dabei haben sie herausgefunden, dass eine bestimmte Songstruktur das Phänomen begünstigt. Einen einfachen melodischen Bogen kannst du dir offenbar gut merken, gell, liebes Hirn, und wenn dieses simple Grundgerüst mit einem unerwarteten melodischen Sprung angereichert wird, dann findest du das richtig toll und erinnerungswürdig. Dabei ist dir dann auch komplett wurscht, ob deiner Besitzerin der Song überhaupt gefällt oder nicht. Ausserdem gehen die Forscherinnen davon aus, dass Musik für dich wie eine Art Bildschirmschoner funktioniert. Wenn mein Bewusstsein gerade mal nicht auf Hochtouren läuft, sondern rumdümpelt, etwa beim Einschlafen, Aufwachen oder Tagträumen, dann holst du eine der tausend Schallplatten hervor, welche du in deiner Langzeitjukebox abgelegt hast. Denn wenn ich bewusstseinstechnisch nicht auf der Höhe bin, ist dir das nicht ganz geheuer. «Besser mal bisschen Leben in die Bude bringen, bevor mir die Alte abkratzt», etwas in der Art wirst du dir jeweils denken.

Liebes Hirn, ich weiss deine Sorge um mich zu schätzen. Denn falls mir bei meinem nächsten Urlaub ein Alligator ein Bein abbeissen sollte und ich bewegungsunfähig im tiefsten Dschungel der Dinge harren müsste, die da kämen, dann würdest du ganz bestimmt den richtigen Soundtrack finden, damit ich nicht allzu schnell wegdämmere. «See You Later Alligator» fänd ich persönlich in so einer Situation angebracht. Einfach bitte nicht «079», ja?! Die Platte kannste zum Ohr rauswerfen. Ich verspreche dir, dafür zukünftig beim Jassen weniger zu saufen und mehr kopfzurechnen.

Herzlichst, deine Frau Feuz

Frau Feuz hat weder Psychologie noch Hirnchirurgie studiert, wenn sich also Unsauberkeiten eingeschlichen hätten, möge die Gilde mir milde gestimmt sein. derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 06.06.2018, 06:42 Uhr

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