Lieber ein Lager in der Kälte als ein Bett im Warmen

Die Berner Notschlafstellen sind selten voll. Wer sind die Menschen, die selbst bei Eiseskälte das Angebot ausschlagen, in einem warmen Bett zu schlafen?

Der Langzeit-Obdachlose Roger Meier schläft lieber an der eiskalten Luft als in einer Notschlafstelle.

Der Langzeit-Obdachlose Roger Meier schläft lieber an der eiskalten Luft als in einer Notschlafstelle.

(Bild: Adrian Moser)

Wegen der Eiseskälte der letzten Tage sind in ganz Europa zahlreiche obdachlose Menschen erfroren. Auch in Bern fielen die Temperaturen zwischenzeitlich weit unter den Gefrierpunkt. Gab es auch in der Bundesstadt Menschen, die den eisigen Temperaturen während der Nacht schutzlos ausgeliefert waren?

Wer in der Stadt Bern ohne Obdach ist, kann beim Passantenheim der Heilsarmee oder der Notschlafstelle Sleeper anklopfen. Im Sleeper kostet eine Nacht inklusive Verpflegung fünf Franken. Im Passantenheim bekommt man für zwölf Franken ein warmes Bett und ein Znacht. Neben den niederschwelligen Angeboten gibt es auch noch einige Angebote für betreutes Wohnen in der Stadt, die obdachlose Menschen längerfristig aufnehmen und bei einem Neustart ins Leben unterstützen.

Es gebe jedoch auch Menschen, die keinerlei Hilfe annähmen, sagt Silvio Flückiger von der städtischen Interventionsgruppe Pinto. 17 Personen hätten am vergangenen Wochenende die Nächte draussen verbracht, erzählt er. Jeden Tag ausser am Sonntag patrouilliert ein Pinto-Zweierteam durch Bern, um den Obdachlosen zu helfen, eine Bleibe für die Nacht zu finden. Auch in diesem Jahr waren die Kapazitäten an Berner Notbetten selten ausgereizt, sagt Flückiger. Da stellt sich die Frage, wer die Menschen sind, die nicht nur eine nächtliche Bleibe, sondern laut Flückiger oft auch eine Decke, warme Kleidung oder einen Tee ablehnen. Beim Grossteil handle es sich um Personen mit einer psychischen Beeinträchtigung, sagt er. Menschen, die sich verfolgt und bespitzelt fühlten und sozialen Angeboten deshalb misstrauisch gegenüberstünden.

Wenn die Personen gesundheitlich nicht akut gefährdet seien, müsse man ihren freien Willen akzeptieren und sie draussen schlafen lassen, sagt er. Der Rest seien Langzeit-Obdachlose, die ihr Lager im Freien einem warmen Bett vorzögen. Ihm sei jedoch kein Fall bekannt, wo jemand in den vergangenen Jahren in Bern erfroren wäre, sagt Flückiger.

«Ich bin nicht der Sleeper-Typ»

Einer, der freiwillig draussen schläft, ist Roger Meier. «Ich war noch nie der Sleeper-Typ», sagt der langjährige Obdachlose. Jeden Tag steht Meier vor der Migros in der Marktgasse und verkauft das Strassenmagazin «Surprise». Abends kehrt er heim in sein Lager, das er je nach Wetterlage an verschiedenen Orten aufstellt, wie er erzählt. Es besteht aus einem Campingbett, einem Windschutz und einer Gasheizung, an der er morgens die Schuhe wärmt. Sogar ein Tablet mit Internetanschluss hat er sich erarbeitet.

Ein Bett in einer Notschlafstelle in Anspruch zu nehmen, käme ihm nicht in den Sinn, sagt er. Die frische Luft tue ihm gut. Zudem sei er gut ausgerüstet. Da könne die Temperatur auch auf Minus dreissig Grad sinken – ihm sei immer noch warm. «Wenn ich in einem geschlossenen Raum schlafen würde, hätte ich das Gefühl zu ersticken.» Er könne verstehen, dass auch andere Obdachlose lieber draussen schliefen, die ähnlich gut organisiert seien wie er. Notschlafstellen seien eher ein Angebot für unfreiwillige Obdachlose, die neu auf der Strasse und für Unterstützung dankbar seien.

Dass die meisten Obdachlosen in Bern freiwillig draussen schlafen, bezweifelt Ruedi Löffel von der Kirchlichen Gassenarbeit Bern. Löffel, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen EVP-Grossrat, ist regelmässig mit einem Kollegen in der Stadt unterwegs und hilft Heimatlosen bei der Suche nach einem Schlafplatz. Im Gegensatz zum Pinto-Team sind die Helfer der Gassenarbeit jedoch in Zivil gekleidet. «Deshalb schenken uns die Menschen mehr Vertrauen», sagt er.

«Dunkelziffer ist weitaus höher»

Die Dunkelziffer jener, die in Bern ohne eigenes Obdach sind, ist laut ihm weitaus höher. Viele hätten jedoch noch einen Plan B, könnten zum Beispiel bei einem Kollegen unterkommen und würden deshalb nicht offiziell als obdachlos gelten. Immer wieder falle es seinem Team aber schwer, für alle Obdachlosen ein warmes Bett zu finden. Psychisch beeinträchtigte Personen seien schwierig zu vermitteln, selbst wenn sie für die Nacht Interesse an einer Bleibe bekundeten. Der Sleeper nehme so gut wie jeden auf, sei jedoch oft überlaufen, so Löffel. Beim Passantenheim der Heilsarmee herrschten zu hochschwellige Anforderungen. Teilweise bezahle man jemandem auch eine Nacht in der Jugendherberge oder im Hotel, wenn keine andere Möglichkeit gefunden werden könne.

Franz Dillier vom Passantenheim der Heilsarmee betont, dass jeder in der Einrichtung unterkommen könne. Die Frage sei einzig für wie lange. In erster Linie richte sich das Angebot an Obdachlose der Stadt Bern und Agglomeration. Schwieriger sei es für arbeitsuchende Osteuropäer. Diese müssten aus Platzgründen nach zwei oder drei Tagen weiterziehen. Für Menschen, die psychisch beeinträchtigt oder in speziellen Notlagen seien, versuche man stets die bestmögliche Lösung zu finden.

Der Bund

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